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Zehn Fragen an Daniel Weber

Daniel Weber geht hart auf die 40 zu, ist ziemlich neugierig und interessiert an zu Vielem. Teilzeithausmann und Teilzeitphysiker, Vollzeitvater und Vollzeitehemann, Hobby(internet)bastler, Hobbymusiker, Hobbyvolleyballer, Hobbydenker und Hobbygemeindedings (CityChurch Würzburg). So beschreibt Daniel Weber sich selbst – wir haben ihm zehn Fragen gestellt:

1. Bitte nenne zwei Bücher, die dich besonders inspiriert haben und die noch viel zu unbekannt sind.

Aufgrund meines unglaublich schlechten Gedächtnisses nenne ich einfach die zwei Highlights aus dem letzten Urlaub: Nadia Bolz-Weber mit „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Und von Jonas Lüscher „Frühling der Barbaren“ (ein Geschenk von einem Freund*, den ich hiermit gleich für „10 Fragen an“ nominieren möchte). Letzteres hat mich mehr unterhalten als inspiriert.

2. Was assoziierst Du mit den Begriffen Emergent/ Emerging Church?

Der zentrale Punkt ist für mich dieser: „Keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen.“ D.h. Fragen offen- und Zweifel zulassen. Spannungen aushalten. Den eigenen aktuellen Standpunkt immer als Zwischenstation auf dem Weg ins Unbekannte zu sehen.

3. Was sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen für Christsein in der heutigen Zeit?

Eine der größten Herausforderung sehe ich darin, die vielen Facetten des Guten an der „Guten Nachricht“ immer wieder (neu) zu entdecken, ohne andere dabei aus den Augen zu verlieren.

4. Die gute Nachricht ist…

…dass ich nicht der Einzige und auch nicht der Letzte bin, der in dieser Serie Fragen zu beantworten versucht. Oder meint ihr die „Gute Nachricht“? Dann wird es schwierig, siehe oben. Meine Antwort für mich: Dass Gott diese Welt nicht egal ist, sondern er hier eine Mission hat.

5. Ein Beispiel dafür, wie ich Spiritualität im Alltag gestalte ist…

Meine Formen für Spiritualität im Alltag „funktionieren“ oft nur für eine gewisse Zeit, dann suche ich wieder nach neuen Möglichkeiten oder kehre zu alten zurück. Aktuell lasse ich mir nach längerer Pause wieder die Nachrichten der Twitteraccounts @losung, @SchmaJisrael, @mittagsgebet und @VaterUnser auf mein Handy pushen, um mich regelmäßig im Alltag unterbrechen zu lassen und den Blick wenigstens kurz vom Alltag abzuwenden. Diese Twitter-Dienste habe ich zusammen mit anderen vor einigen Jahren ins Netz gebracht. Zunächst nur für uns selbst, später offen für alle. Zwischenzeitlich habe ich sie kaum mehr genutzt, aktuell helfen sie mir wieder. Mehr dazu unter http://twitturgie.de/.

6. Eine der größten Gefahren von Menschen ist es, ihre Biografie zu totalisieren. Was hat Dich so geprägt, dass Du aufpassen musst, es nicht über zu betonen?

Ich glaube nicht, dass mich ein Thema so stark geprägt hat, dass ich Gefahr laufe, etwas über zu betonen (hatte ich schon von meiner Vergesslichkeit erzählt?). Vielleicht ist das aber auch nur typisch für einen blinden Fleck und man sollte besser meine Freunde* fragen…

7. Ein besonders skurriles Erlebnis hatte ich, als…

… ich einem Freund, der seine Frau anrufen wollte, mein Telefon gab uns sagte, ich hätte die Nummer schon gewählt. Allerdings hatte ich nur die mir bekannte Vorwahl und dann eine zufällige Zahlenfolge eingetippt, es sollte ein Spaß für alle Anwesenden werden (außer für ihn natürlich). Am Telefon war dann seine Frau… (Geht das in die Richtung der Frage nach einem skurrilen Erlebnis?)

8. In zwanzig Jahren wird…

… immer noch kein Computer den Satz „In zwanzig Jahren wird…“ vervollständigen können.

9. Diese Website ist mein Geheimtipp im Netz:

Unschlagbar schön: Accept Jesus, forever forgiven

10. Dieser längst vergessene Blogeintrag lohnt sich noch immer zu lesen:

Als leidenschaftlicher Podcast-Hörer nehme ich mir die Freiheit, anstelle eines Blogposts eine Podcast-Episode zu empfehlen. Das Thema „Gute Nachricht“ kam hier ja schon zur Sprache, daher lege ich euch eine etwas ältere Predigt von Jens Stangenberg (ha, zufällig der erste Kandidat aus der Kategorie „10 Fragen an“) ans Herz, die mir neulich wieder über den Weg gelaufen ist. Er nannte sie „Die 7 Farben des Evangeliums“. Zu dem Vortrag hat Jens auch eine kurze Zusammenfassung veröffentlicht, außerdem gab es auf einem Emergent-Forum einmal einen Workshop von ihm dazu inkl. eines längeren Manuskripts. Auch Peter Aschoff hat zu dem Thema gebloggt: Blogpost 1 / 2 / 3 / 4. Damit habe ich doch noch die Kurve zum „längst vergessenen Blogeintrag“ hinbekommen…

* Name ist der Redaktion bekannt.

„Irgendwas mit Postmoderne“

… so lautete der Arbeitstitel für diesen Post, den ich vom Koordinator dieses Blogs geschickt bekam, und ich finde, das Unbestimmte passt exzellent zum Thema. „Postmoderne“ ist ein schillernder Begriff, der in vielen Zusammenhängen auftaucht – oder auch nicht mehr auftaucht. Manche Zeitgenossen im konservativen Spektrum haben daraus den voreiligen Schluss gezogen und freudig verkündet, dass es mit dem irritierenden Phänomen schon vorbei sei und dass man überhaupt gut daran täte, sich vom Zeitgeist fern zu halten, das erspare grundlose Aufregung und verhindere unzuträglichen Aktivismus. Sie halten Postmoderne für eine flüchtige Mode, die keine Konsequenzen hat für ihr Weltbild und ihre Theologie, die entweder besagt, es gebe im Grunde nichts Neues (der Mensch ist ein Sünder und Gott ist – freilich innerhalb gewisser Grenzen – gnädig, mehr muss man doch gar nicht wissen), oder aber, alles sei im schleichenden Verfall begriffen, beziehungsweise rase auf einen dystopischen Abgrund zu. Mit Postmoderne assoziieren sie konstruktivistische Beliebigkeit, Kulturrelativismus, Hyperindividualismus, sowie alles, was irgendwie kryptisch und irrational daherkommt – und einen totalitären Pluralismus, dessen einzig absolutes Dogma es ist, dass es keine absoluten Dogmen zu geben hat.

Aber das ist eine Karikatur, die an der Realität vorbei geht. Es geht auch nicht um eine Anpassung an die Marotten des Hipster-Milieus. In den letzten 30 Jahren hat sich unsere Zivilisation grundlegend gewandelt. Begriffe wie „Risikogesellschaft“, „Konsumgesellschaft“ oder „Leistungsgesellschaft“ zeigen an, in welche Richtung dieser Wandel verläuft. Viele dieser Facetten hat Zygmunt Bauman mit seinem Konzept der „fluiden Moderne“ erfasst. Und wer den narrativen Zugang vorzieht, wird in George Packers preisgekröntem Buch „Die Abwicklung“ fündig, wo neben kurzen Kapiteln über Prominente wie Sam Walton, Newt Gingrich oder Oprah Winfrey vor allem der Überlebenskampf unbekannter Amerikaner wie Tammy Thomas oder Dean Price beschrieben wird, denen ihre Existenzgrundlage genommen wird und die bei der Bewältigung der Folgen des massiven Wandels auf sich allein gestellt sind, oder wie Jeff Connaughton, der erst an der Wall Street und dann in Washington  Karriere macht, um schließlich desillusioniert auszusteigen.

Die flüchtige Moderne beginnt in der westlichen Welt mit dem Aufstieg des Neoliberalismus unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher, sie erringt ihren ersten großen Triumph im Zusammenbruch des Kommunismus und dem daraus resultierenden Fall des eisernen Vorhangs. In Deutschland ist es das Privatisierungs- und Abwicklungsprogramm der Treuhand im Gefolge der Wiedervereinigung, das die familiäre Bundesrepublik und ihr Arrangement der sozialen Marktwirtschaft ablöst, neoliberalen Ideen zum Durchbruch verhilft und eine Kultur des Wettbewerbs, der Deregulierung und des Abbaus sozialer Sicherungssysteme etabliert. Es war das Ende der „soliden Moderne“, die seit dem Erdbeben von Lissabon 1755  alles daran gesetzt hatte, das Leben der Menschen gegen die üblen Launen des Schicksals abzusichern und eine berechenbare, stabile Welt zu schaffen. Der Rückzug des Sozialstaates hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst, wie Oxfam gerade wieder nachdrücklich dargestellt hat.

Um zu erfahren, wie real dieser Umbruch ist, muss ich kein philosophisches oder soziologisches Buch lesen, ich muss nur mit jenen Angestellten der ortsansässigen großen Elektrofirma sprechen, die hier seit über 25 Jahren arbeiten. Sie erzählen allesamt, wie drastisch sich ihre Welt verändert hat. Es ist nicht zuletzt dieser Umbruch, der unter den tatsächlichen oder auch nur gefühlten Verlierern den Boden bereitet hat für eine neue Rechte, die überall in Europa eine schablonenhafte Kapitalismuskritik, das Misstrauen gegen gesellschaftliche Eliten und die militante Abschottung gegen alles Fremde kombiniert. In der neuen Situation der flüchtigen Moderne sind viele gesellschaftliche Institutionen geschwächt und überfordert, unter anderem auch die Nationalstaaten.

Und so haben viele Menschen das frustrierende Gefühl, diesen Entwicklungen hilflos ausgeliefert zu sein. Die verlorene Sicherheit und Geborgenheit der soliden Moderne, auch in der Gestalt des real existierenden Sozialismus, lässt Menschen verunsichert zurück. Nicht jeder schafft es, sich in den neuen, sich stetig verändernden Landschaften zu orientieren. Was sich früher wie ein stabiler Kontinent anfühlte, entpuppt sich als lose Ansammlung schwimmender Inseln. Wasser bietet keinen Halt. Also greifen manche (auch in der Theologie) auf alte, vertraute Landkarten zurück, die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben, aber wenigstens die Illusion von Ordnung aufrecht halten. Derweil lässt der deregulierte globale Kapitalismus seine stattlichen Gewinne weitgehend unbehelligt in die Taschen einiger weniger fließen, während für die Risiken alle haften. Die Schwachen treffen die Krisen daher besonders unerbittlich. Dafür dürfen die Massen wenigstens medial am Leben der Reichen und Schönen teilnehmen, das sich hinter Elektrozäunen und getönten Scheiben abspielt. Wer ab und zu einen Blick in diesen Himmel wirft, kommt vielleicht nicht so schnell auf die Idee, seine Idole dort für das Elend hier zur Rechenschaft zu ziehen. Die Superreichen haben sich längst ihre eigenen Inseln geschaffen, in denen sie unter sich bleiben und von denen aus sie ihre Macht ausüben. Bauman beobachtet:

„Die Macht bewegt sich heute mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, so dass die Zeit ihrer Übermittlung auf eine momenthafte Gegenwart schrumpft. Damit ist die Macht in jeder Hinsicht exterritorial geworden. Sie ist weder an den Raum gebunden, noch hindert dieser ihre Verbreitung.“

„Als wesentliche Machttechnik zeichnet sich jetzt das Ver- und Entschwinden ab, das Ausbüchsen, das Sich-Entziehen, die Verweigerung jeglicher territorialen Beschränkung, samt den damit verbundenen mühseligen und kostspieligen aufgaben der Errichtung und Erhaltung einer Ordnung in diesem Territorium.“ (Flüchtige Moderne, S. 18f.)

War die solide Moderne mit ihren Nationalstaaten noch als Triumph der Sesshaftigkeit über das Nomadische zu verstehen, so haben wir heute nicht nur die exterritorialen globalen Eliten, die wie antike Latifundienbesitzer fern ihrer Güter in den Metropolen leben, sondern auch die globalen Fluchtbewegungen, die völlig neue Dimensionen angenommen haben: „Wir sind Zeugen eines Rachefeldzugs des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und Sesshaftigkeit.“

Algerian Kabyle on the March (c.1906) by postaletrice, on Flickr
Algerian Kabyle on the March (c.1906)“ (CC BY-NC-ND 2.0) by  postaletrice 

Das alles ist, kurz umrissen, die Welt der Flüchtigen Moderne. Natürlich hat das Auswirkungen darauf, wie wir uns selbst und unsere Umgebung wahrnehmen, wie wir glauben und wie wir als Kirche leben und uns organisieren. Nichts spricht dafür, dass sich daran so schnell etwas ändert, und doch werden an vielen Orten noch die Fragen und Themen der soliden Moderne diskutiert, wird im Paradigma der Kontrolle gedacht: Wir haben es mit einer dogmatisch starren Theologie der Sesshaftigkeit zu tun – die auf das Bekenntnis der Alteingesessenen pocht, das gefühlt schon immer galt und deshalb auch immer unwandelbar gelten muss – und einer strukturell rigiden Ekklesiologie, die an den Organisationsformen der soliden Moderne (Parochie, Kirchensteuer, Beamtentum) nicht zu rütteln wagt. Für beide Richtungen gilt Adenauers Slogan: „Keine Experimente“.

Das Problem des sesshaften volkskirchlichen Strukturkonservativismus oder des frommen Bibel- und Bekenntniskonservativismus ist dabei nicht die Rückbindung an die Geschichte, sondern dass diese Rückbindung einfach nicht weit genug zurück reicht. Liest man als postmoderner Zeitgenosse die Bibel, dann springen einen die zahlreichen Bezüge auf ein nomadisches Leben geradezu an: Das wandernde Gottesvolk, das Exil und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, der obdachlose Messias, die reisenden Apostel. „Zeit zum Aufstehen“ wäre dann ein passender Slogan, wenn man danach nicht beharrlich auf demselben Fleck stehenbleiben wollte, um sein Erbe zu hüten und sein Territorium zu behaupten.

Der große tschechische Denker Tomáš Halík hat jüngst in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung über seine katholische Kirche nachgedacht, die sich noch immer mit den Folgen des späten Modernisierungsschubs aus dem zweiten Vatikanum abmüht, während in den Umbrüchen Europas sich schon die nächste epochale Aufgabe andeutet, nämlich die positiven Errungenschaften der europäischen Aufklärung wie Gleichstellung der Geschlechter, Toleranz und Religionsfreiheit an die Einwanderer weiterzugeben. Was er schreibt, gilt freilich auch für Protestanten in einer postmodernen Welt:

Ich denke, auf die katholische Kirche wartet eine ähnliche geschichtsbildende Aufgabe wie damals an der Schwelle des Mittelalters, falls sie sich der enorm wichtigen Rolle eines Dolmetschers zwischen dem Islam und dem säkularen Westen annimmt; sie kann doch in vielem besser als die Atheisten den Islam verstehen und auch besser als die Muslime den Säkularhumanismus, dieses ungewollte Kind des westlichen Christentums.

Die Kirche der Zukunft sollte das sein, was die Universität in ihren Anfängen sein wollte – eine Gemeinschaft des Lebens, des Gebets und der Lehre. Sie sollte die eigentlichen Wurzeln des Christentums wiederentdecken: den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.

 

Was sehen wir, wenn wir Glauben? – Pt. 3 der gesenkte Blick

Im letzten Post endeten wir mit der Bemerkung, dass es Haltungen gibt, die unseren Blick trüben. Wie kann so eine Haltung aussehen, welche unsere Augen von der Fülle des Lebens ablenken?

Über  Kain und Abel in Gen.4 heißt es: „Gott sah auf Abel und Kain und sein Opfer sah er nicht“. Man kann sehr viel über diesen Vers sagen. Er zeigt das Bedürfnis auf, gesehen zu werden, Wertschätzung zu erfahren für das was man tut und dadurch so eine Art Rechtfertigung für seine Existenz zu erfahren.  Sei es durch die Arbeit, durch Beziehungen oder wie hier: durch Religion. Gott steht in diesem Vers für den „großen Anderen“, die Instanz, die unser Leben aus der Vogelperspektive betrachtet und an die wir uns wenden, um Bestätigung zu erfahren. Man kann hier auch andere Wörter einsetzen: „die Gesellschaft“, der Vater etc. Und dieser Vers beschreibt das Gefühl, übersehen zu werden. Es beschreibt eine bestimmte Haltung zum Leben: die Haltung der zu-kurz-Gekommenen, der ewig Übersehenen. Das Gefühl, dass sich einstellt, wenn man sich von einer anonymen Macht ständig benachteiligt sieht. Nichts von dem, was man tut, wird gewürdigt. Immer gewinnen die anderen.
Und das entspricht ja einfach unserer Lebenserfahrung: es scheint Menschen zu geben (und das sind nicht immer die sympathisten), die vom Leben alles bekommen haben, zumindest wenn man nicht so genau hinschaut:
„God gave you style and gave you grace.
God put a smile upon your face.“

Wie reagierte Kain?

„Da wurde Kain sehr zornig und sein Blick senkte sich“.

Die Augen werden grau (oder grün oder gelb vor Neid, je nach Sprache) und die Augen bleiben fest am Boden verhaftet. Der gesenkte Blick ist eine Geste der Verschlossenheit, in der man sich unempfindlich macht gegen alle Impulse von außen.
Eine Haltung, die unseren Blick von der Fülle des Lebens auf das lenkt, was uns gerade fehlt. Und eine Haltung in der dann eine Idee reifen kann: die Idee desjenigen, der sich immer als ohnmächtiges Opfer fühlt, hinfort nicht mehr Opfer zu sein. Der Gedanke, des zu ungerecht Benachteiligten, nun endlich etwas zu unternehmen und seinen Konkurrenten aus dem Weg zu schaffen. In den Momenten, in denen sich der Blick senkt, entsteht ein geschlossenes Weltbild. Ein Weltbild, in dem klar ist, wer das unschuldige Opfer ist und wen nun endlich der Zorn des Gerechten treffen soll.

Man denkt hier an die gekränkte und sich ihrem gerechten Zorn ergebenden Menschen, die auf PEGIDA Demos interviewt wurden. Oder man denkt an gewalttätige Konflikte, wie der in Ruanda, bei denen eine Gruppe, die jahrzehntelang unterdrückt wurde einen Völkermord an ihren ehemaligen Unterdrückern verübte.

In der Geschichte spricht nun Gott mit Kain:
„Warum bist du zornig und warum ist dein Blick gesenkt?
Ist es nicht so: Wenn du gut tust, kannst du frei aufblicken?“

Man muss diese Frage umdrehen. „Ist es nicht so, dass sich der Blick automatisch ’senkt‘, wenn man Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Kränkungen erlebt? Und, dass man sich dem Leben nur öffnen kann, wenn man selbst Wertschätzung und Anerkennung erlebt hat? Wenn man sich also wertschätzend wahrgenommen fühlt?“

Hier kommt wieder eine politische Dimension der Wahrnehmung herein: nicht jeder hat die gleiche Chance einfach nur „mit offenen Augen“ durch’s Leben zu laufen. Manche Menschen werden auf Grund des Ortes, an dem sie stehen in der Gesellschaft (oder ihren Familien etc.) automatisch bitter und hart. Manche Menschen haben keine Chance einen positiveren Blick auf das Leben zu werfen aufgrund der Kränkungen, die sie in dieser Gesellschaft erlebt haben. Aber hier zeigt sich auch: diese Verbitterung, der Neid, das Selbstmitleid und das Gefühl zurückgesetzt zu sein, sind keine unschuldigen Affekte. Es sind vielmehr Stimmungen in denen Hass entstehen kann, Stimmungen aus denen man heraus Morde begeht und rechte Parteien wählt und sich seinem gerechten Zorn hingibt. Es sind zerstörerische und selbstzerstörerische Stimmungen.

Es zeigt sich also, dass unser Blick nicht „natürlicherweise“ einfach offen und unverstellt ist, sondern zumeist in irgendeiner Weise schief ist. Und neben der Aufgabe der politischen Kritik an Systemen, die Menschen in so einer Weise kränken, geht es auch darum, einen anderen Umgang mit diesen Kränkungen zu ermöglichen. So muss manchmal unser Blick befreit werden. Auch dann, wenn man sich (zu recht oder unrecht) als benachteiligt, ausgegrenzt oder ohnmächtig erlebt, muss der Blick befreit werden, um diese Ohnmacht und dieses Weltbild des Mangels hinter sich lassen zu können. Das geschieht dann, wenn wir uns selbst wertschätzend wahrgenommen wissen.

Und hier muss nun auch endlich das Gottesbild in diesem Text korrigiert werden. Aus protestantischer Perspektive muss gesagt werden: Gott ist exakt kein „großer Anderer“, dessen Wertschätzung wir durch unser Wohlverhalten, durch unser Gutsein und unseren aufopferungsvollen (oder ‚bewussten‘) Lebensstil gewinnen müssen. Gott lässt uns seine unverdiente Anerkennung zukommen z.B. im Abendmahl oder in Form der vielen „kleinen Anderen“, die uns umgeben. Und das ist eine wertschätzende Wahrnehmung, die uns sowohl in unserer Wirklichkeit sieht und uns gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, unseren Blick zu weiten.

Vielleicht ist das auch eine erste Definition von Glauben: Sich von Gott wertschätzend wahrgenommen wissen und daraufhin die Welt mit einem ungetrübten Blick sehen zu können. 

Oder wie es die wunderbare Nadia Bolz-Weber ausdrückte: „Faith is relaxing in way you relax in the presence of someone you are certain is fond of you.“

Was sehen wir, wenn wir glauben? Pt.2. Achtsamkeit?

Zweite Teil: Zwei Formen der Spiritualität mit offenen Augen

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CC0 Public Domain

In diesem Teil soll es darum gehen, was wir sehen, wenn wir glauben.

Es soll um eine Spiritualität der geöffneten Augen gehen. Und damit es nicht so langweilig wird, beginne ich mit einer Polemik.

Es gibt heute einen großen spirituellen Trend, die sogenannte Mindfulness. Das scheint mir eine der größten neuen quasireligiösen Bewegungen der letzten Jahre zu sein. Und diese kreist auch um das Thema der Wahrnehmung bzw. der Achtsamkeit.

Dabei lernt man ganz fokussiert zu sein, den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Man soll nichts bewerten, sondern einfach offen sein, ganz im Körper sein. Sich ganz der aufmerksamen Betrachtung des Gegebenen widmen. Wie die Amelié persönlich den kleinen Dingen Beachtung schenken. Das klingt doch gut und schön unideologisch. Ohne großen „Weltanschauungsbalast.“ So als sei man hier „einfach nur Mensch“ und könnte alle Übermalungen und Entfremdungen der technischen Welt hinter sich lassen.

Aber ich habe auch meine Zweifel. Gerade weil es so unideologisch klingt. So praktisch. Ohne große Dogmen, ohne große Agenda. Es geht ja schließlich nur darum, präsent zu sein. Und vor allem: mal seine Bewertungsmechanismen ausschalten. Und daran ist auch etwas Richtiges: damit man die Dinge noch einmal neu sehen lernen kann, muss man  gewohnte Muster der Bewertung, seine gewohnten Weltbilder und moralischen Reflexe ausschalten. Das kann dazu führen, die Welt neu zu sehen und Menschen neu begegnen zu können. Die Philosophen nennen das Epoché: das Einklammern der eigenen Vorurteile. Aber dieses führt nicht dazu, dass man sein Leben ohne Urteile führt, sondern, dass man die Dinge neu beurteilen lernt. Urteile sind weiterhin nötig, allein schon um schädliche Weltbilder, die entmenschlichen und ausgrenzen, verurteilen zu können.

Und bei dieser Betonung der Achtsamkeit wird manchmal der Eindruck erweckt, es gäbe keine Agenda, kein Weltbild dahinter. Kein Weltbild außer das „einfach nur“: einfach nur wahrnehmen, einfach nur präsent zu sein.

Aber in manchen Strömungen der Achtsamkeit lässt sich doch so etwas wie eine Agenda formulieren: „Stressabbau, Entschleunigung und die komplizierte Welt einfach mal sich selbst überlassen“ oder noch präziser: „innere Distanz“.
Distanz zu den eigenen Leidenschaften und zur hektischen Welt da draußen. Versuchen, einmal ganz „gelöst“ zu leben. Ohne den Dingen zu viel Wert zu geben, ohne den Dingen „anzuhaften“.

Das erinnert an die große „stoische Versuchung“: die Versuchung innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, indem man die Leidenschaften ausschaltet, indem man das Engagement ausschaltet und einfach nur Beobachter spielt.

Ist das nicht eine Form der Wahrnehmung, die genau das ausklammert, was es bedeutet Mensch zu sein: nämlich eben nicht distanziert zu sein, sondern leidenschaftlich involviert. Man ist einfach kein distanzierter Zuschauer, sondern immer schon Betroffener und immer schon Handelnder. Man ist immer zuerst Teil der Welt, hat aktiv Anteil am Leben anderer, bevor man überhaupt erst Distanz zur Welt gewinnen kann.
Ist die Achtsamkeit nicht eine Strömung,  die davon lebt, die Relationalität des Menschen auszuklammern: sein leidenschaftliches Verstricktsein in die Welt menschlicher Zusammenhänge?
Passt nicht vieles, was unter dem Stichwort der „Achtsamkeit“ firmiert, nur allzu gut zu einer politischen und möglicherweise auch zwischenmenschlichen Indifferenz?

Und: ist das nicht eine Form der Spiritualität, die nur allzu leicht verzweckt werden kann? Wer ganz konzentriert im Hier und Jetzt lebt, wer Distanz zur Hektik um ihn herum hat, der ist auch ein effizienterer „Wissensarbeiter“. Der lässt sich nicht so leicht von Facebook ablenken. Der kann „auftanken“, um dann frisch „durchstarten“ zu können. Und so gelten Mindfulness und „Emotional Intelligence“ als die beiden großen Soft-Skills in der Silicon Valley Tech Branche.

Ich gebe zu, dass das noch mehr eine Polemik darstellt, als eine echte Auseinandersetzung und sicher gehört zu einem gesunden Leben der Rückzug, das zur-Ruhe-kommen und das Abstandnehmen dazu. Nur stellt sich die Frage: ist der Rückzug ein Moment in einem leidenschaftlichen, kritischen und involvierten Leben oder verhält es sich andersherum so, dass das Desengagement, der Rückzug in eine Beobachterposition, als das „eigentliche“ verstanden wird. Während all das andere zum Störfaktor wird: die Hektik, die Unruhe durch andere Menschen, die „Welt da draußen“?

Die christliche Botschaft scheint doch zu sein, dass Gott eben kein distanzierter Beobachter blieb, sondern sich die Sache mal aus der Nähe angeschaut hat. So ist Gott nicht einfach der allwissende, allmächtige Beobachter und Lenker, nicht einfach der erste Beweger, nicht der distanzierte und ruhige Betrachter, sondern ganz involviert in die Welt.

Leidenschaftlich involviert.

Die Frage ist wäre hier also: wie sieht eine christliche Wahrnehmung der Welt aus?

Eine leidenschaftlich, involvierte Wahrnehmung statt einer distanzierten Wahrnehmung?

Zunächst einmal muss man sagen, was das Christentum nicht ist: Weltflucht. Es geht nicht darum in eine andere („eigentliche“) Welt abzutauchen. So ähnlich wie wenn man einen langen Fantasyroman liest und ganz in der Welt aufgeht. Es geht nicht um eine andere Welt, um eine metaphysische Hinterwelt, sondern darum diese Welt anders wahrzunehmen.

Wir brauchen also eine Spiritualität der geöffneten Augen.

Davon spricht Jesus in Lukas 11. Ich lese mal aus einer Bibelübertragung vor:

„Eure Augen sind das Licht des Leibes; sie erhellen den ganzen Leib. Wenn ihr mit weit geöffneten Augen lebt, dann füllt sich euer ganzer Leib mit Licht. Wenn ihr jedoch mit zugekniffenen Augen, misstrauisch und gierig lebt, dann wird euer Leib dunkel. Lasst eure Augen weit geöffnet, lasst eure Lampe brennen, so dass ihr nicht muffig und trüb werdet.“

In dieser etwas putzig wirkenden Passage, sind die Augen tatsächlich so etwas wie das „Fenster der Seele“. Aber nicht, weil sie unser wert- und geheimnisvolles Innenleben offenbaren, sondern weil sie die Möglichkeit sind, mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben; weil sie durch eine offene und wache Wahrnehmung den ganzen Leib erhellen. Die geöffneten Augen stehen also für eine Offenheit für die Vielgestaltigkeit des Lebens. Für eine affirmative Sicht des Lebens und der Welt. Und für eine neugierige Sicht auf die Welt.

Die Rede von den offenen Augen deutet in gewisser Weise auf eine naive Sicht der Welt. Naivität ist zu Unrecht in Verruf gekommen (siehe Kohelets Abgeklärtheit). Naivität muss nicht zuerst Unwissenheit und Arglosigkeit bedeuten, sondern „Gebürtlichkeit“: die Welt so zu sehen, als sei alles frisch, als sei nichts selbstverständlich. Die Welt so zu sehen, als sei sie nicht in Stein gemeißelt und würde nicht ewigen Gesetzen folgen. Stattdessen die Welt so zu sehen, als ob sie uns noch überraschen könnte. Oder so, als hätte etwas Neues in der Welt begonnen.

Und gleichzeitig heißt es, die Augen nicht zu verschließen, vor „dem Alten, dem Erwartbaren und Allzubekannten“ in der Welt: Ausgrenzung, Gewalt, Ungerechtigkeit, Hass, Langeweile, Angst und Indifferenz. Phänomene, bei denen man schnell den Eindruck bekommen könnte, diese hätten sich wirklich im Wesentlichen kaum geändert.

Und dieser Text weist mit der Rede von den zugekniffenen Augen auch auf etwas anderes hin: auf schädliche Sichtweisen und Weltbilder. Auf eine Sicht des Lebens, die uns verschlossen macht gegenüber der Welt und anderen Menschen.

Und über verschiedene Arten des schiefen Blicks soll es im nächsten Post gehen.

Was sehen wir, wenn wir Glauben? Pt. 1 – Was ist Wahrnehmung?

Bei EinTagEmergent haben wir versucht einen Workshop-Tag zum Thema „Glaube und Wahrnehmung“ zu gestalten.Le_Caravage_-_L'incrédulité_de_Saint_Thomas

Nachdem schon einige Menschen am Freitag zum gemeinsamen Suppe essen kamen, hatten wir den Samstag damit begonnen, unsere Wahrnehmung zu schulen. Die niederländischen Künstler Rik und Geerard bereiteten einen Einstieg zum Werk von Vivian Maier vor.

Nun scheint das Thema Ästhetik sehr abschreckend und verkopft.

Doch hat Ästhetik zuerst nichts mit Rotwein, Käse und Hornbrillen zu tun, sondern mit unserer Wahrnehmng der Welt.

Wahrnehmung weist auf die leibliche Dimension unseres Lebens hin. Wir nehmen immer mit dem ganzen Körper wahr. Nicht nur mit dem Kopf, mit den Augen oder Ohren.

Wenn wir durch einen dunklen Flur laufen und plötzlich das Gefühl haben, hinter uns steht jemand, passieren verschiedene Dinge: Wir spüren möglicherweise so etwas wie ein Brennen in unserem Rücken; wir spüren förmlich den Blick eines anderen auf uns ruhen. Unser Herzschlag beschleunigt sich, unsere Hände werden schwitzig, wir drehen uns langsam um und beginnen dann erst zu sehen, ob da wirklich jemand ist oder nicht.

Vielleicht ist wegen dieser leiblichen Dimension die Wahrnehmung unser blinder Fleck. Wir reden gerne über das Denken und gerne über das Handeln, aber die Wahrnehmung ist das Dritte zu beiden und hat großen Einfluss auf beide Gebiete.

Wir können gar nicht denken, ohne vorher etwas wahrgenommen zu haben.

Wenn Denken nach-denken ist, dann heißt es, dass man im Denken der Sache nachgeht, die man vorher erlebt hat, die einem widerfahren ist und die man eben wahr-genommen hat. Anders herum beeinflusst die Art, wie wir über die Welt denken auch, was wir wahrnehmen können und was wir übersehen werden. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und was wir ausblenden.

Und zuletzt: unsere Wahrnehmung ist ebenso eine ethische Frage: Wen sehen wir? Wie sehen wir andere? Als was sehen wir die Welt? Emmanuel Lévinas brachte das auf die Formel: „Ethik ist eine Optik“.

Wahrnehmung hat außerdem mit unserer Stimmung zu tun.
Stimmung ist nicht einfach Emotion, nicht etwas tief in unserem Inneren.
Stimmung heißt: „Gestimmtsein“ gestimmt wie die Saiten eines Musikinstruments. Oder eben verstimmt.
Stimmung ist, wenn ich auf die Welt antworte, und die Welt in gewisser Weise auf mich antwortet.

Das klingt sehr abstrakt.

Aber man stelle sich vor, wie es sei, die Welt vor allem ängstlich wahrzunehmen. Die Welt ist dann ein Ort voller Gefahren.

Überall lauert potenziell eine Bedrohung für Leib und Leben. Man steigt in den Bus ein, man schaut sich um und sieht diesen komischen Typen da sitzen. Und wird misstrauisch.In der Angst ist unsere Wahrnehmung sehr fokussiert. Unser ganzer Körper ist angespannt. Uns fallen kleine Details an Menschen auf. Wir sind jederzeit bereit, die Flucht anzutreten oder zu kämpfen.Die Welt ängstlich wahrzunehmen, heißt auch, den Menschen mit Misstrauen zu begegnen.

Unsere Wahrnehmung der Welt verändert sich ganz grundlegend, wenn wir „in die Liebe gefallen sind“. Auch, wenn es wie ein Klischee klingt, so ist es doch nicht falsch zu sagen: die Welt ist dann ein anderer Ort. Die Welt wirkt erschreckend frisch. Neu. Es ist, als würde man die Welt neu betreten. Als hätte man die Welt vorher nicht wirklich wahrgenommen. Man nimmt intensiver wahr. Und das kann durchaus auch etwas erschreckendes haben.

Und genau das Gegenteil: wenn wir Langweile haben. In der Langeweile ist unsere Aufmerksamkeit nicht angespannt wie in der Angst, sondern sie ist sozusagen schlaff. Wie ein Muskel, den wir lange nicht mehr trainiert haben. In der Langeweile sind wir völlig abgeklärt, die Welt hat alle Frische, jedes Gefühl des Neuen verloren. Sehr schön stellt das das Buch Kohelet dar. Ein biblisches Buch, dass ein ganzes Weltbild der abgeklärten, zynischen Langeweile darstellt. Ich habe hier mal einen Ausschnitt aus der Bibelübertragung „The Message Bible“:

„The Sun comes up and the sun goes down,
then does it again, and again.
The wind blows south, the wind blows north, the whirling, erratic wind.
All the rivers flow into the sea but the sea never fills up.
Everything is boring, utterly boring – no one can find any meaning in it.
There is nothing new under the sun.“

Was für eine schlimme Sicht der Welt! „Nichts Neues unter der Sonne“.
Alles schon geschehen. Alles schon gesehen.
Es passiert nichts, dass einen noch irgendwie begeistern könnte.
Hier wird eine Situation beschrieben, in der die Welt ihr Gewicht verliert. Alles ist langweilig. Nichts kann unser Begehren wecken, nichts will Leidenschaft, Kreativität, Lebensmut in uns wach rufen. Alles Ungewohnte betrachten wir aus der Perspektive des Futur II: „Es wird neu gewesen sein“. In den Worten Kohelets: „Wohl sagt man: Sieh dies an! Es ist neu! – Es war längst schon einmal da.“ Wenn man diesen Zustand sehr lange ausdehnt, dann hat man so etwas ähnliches wie eine Depression. Diese Welt ist dann ein Ort, der uns nicht mehr anmacht, der uns nichts mehr geben kann. Ein Ort, der auch keine Fremdheit mehr beherbergt. Denn das Fremde ist erst einmal alles mögliche: bedrohend, anziehend, rätselhaft, aber es ist sicher eins nicht: langweilig.

Wenn Wahrnehmung wirklich auch einen ethischen Aspekt hat, dann hat sie mit der Gesamtheit unserer Lebensführung zu tun.

Wenn wir die Welt ängstlich wahrnehmen, dann werden wir sehr vorsichtig leben. Wir werden versuchen, nicht zu viel vor die Tür zu gehen. Nicht zu viel Neues zu tun, weil alles könnte gefährlich sein. Wir werden den Menschen mit Misstrauen begegnen. Jeder Mensch kann mich potenziell belügen oder gefährden. Jeder Mensch wird zum Konkurrenten oder zur Bedrohung. Jede Begegnung ist ein Machtkampf.

Wenn wir die Welt gelangweilt wahrnehmen, abgeklärt, dann können wir zwar vor die Tür gehen, aber wir können es genausogut sein lassen. Denn die Welt ist ein idiotischer Ort, ein Ort, an dem nichts Neues mehr passiert. Wenn einem wirklich „nichts Menschliches mehr fremd“ ist, dann ist auch nichts mehr wirklich interessant, dann übersieht man auch die Unterschiede zwischen den Dingen. Denn selbst, wenn sich die Dinge wiederholen, dann wiederholen sie sich doch immer ANDERS. Wer so gelangweilt durch Leben geht, dem bleibt nur der Whisky und das verzweifelte, idiotische und freudlose Genießen:
„Lasst uns Essen und Trinken, denn Morgen sind wir tot“.

Eigentlich kann man sich in so einer Welt auch nicht engagieren. Denn es ist ja eh alles sinnlos. Die Welt wird sich nicht ändern, die Menschen werden sich nicht ändern und warum sollte man sich einbringen, wenn doch eh nichts Neues in der Welt geschehen kann?

(Im nächsten Post soll es darum gehen, was man denn nun sieht, wenn man glaubt. Und es werden zwei Formen der „Spiritualität mit offenen Augen“ unterschieden).

Ein Tag Emergent 15: Werkschau

Ein Teil von „Ein Tag Emergent 15“ wird die Werkschau sein. Die Idee dahinter ist, dass wir in entspannter Runde mitgebrachte Kunstwerke auf uns wirken lassen wollen. Hier können die Ergebnisse der Workshops einfließen, aber auch darüber hinaus soll die Werkschau ein Erlebnis werden, das von Dingen lebt, die wir alle einbringen. Neugierig geworden? Hier geht`s zum Programm und zur Anmeldung.

Ein Tag Emergent 15: G-O-D-I-S-N-O-W-H-E-R-E

„G-O-D-I-S-N-O-W-H-E-R-E“: Was liest du? Was siehst du? Ist Gott abwesend, unerreichbar, NOWHERE? Oder ist er dir unheimlich nahe; näher, als du dir vielleicht selbst bist; jetzt in diesem Moment – also NOW HERE? Und ist das überhaupt so wichtig, wie oder wo oder ob man da was spürt und erlebt? Gehören Gottes Nähe und seine Abwesenheit nicht sogar irgendwie, auf geheimnisvolle Weise, ganz eng zusammen? Bei einem unserer drei Workshops machen wir uns auf den Weg durch Heidelberg – und damit auch auf einen Weg, auf dem wir uns diesen Fragen stellen möchten. Wir sind selbst gespannt, was passieren wird – aber freuen uns auf Mit-Reisende!

Und hier findest du das Programm und die Anmeldung .

Kirche für alle, aber … – Emergent Forum 2016

EF16-Flyer-2„Herzlich willkommen?“

Oftmals sprechen wir davon, dass bei uns alle willkommen seien, und Kirchen offene Gemeinschaften darstellen. Doch sind wir uns dessen bewusst, was das wirklich bedeuten würde? Ist radikale Offenheit nicht ein traumtänzerisches Ideal, das uns heillos zu überfordern droht, und unser Bedürfnis nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit und festen Grenzen übergeht? Wie passt das zusammen mit unserem Glauben an Jesus Christus, der zunächst als Gast in unsere Welt kam, in der ihn niemand aufnehmen wollte? Oder noch grundsätzlicher gefragt: Hat Gottes Gnade Grenzen? Und was bedeutet das für die Kirche?

Auf dem Emergent Forum in Eschborn-Niederhöchstadt werden wir gemeinsam mit Nadia Bolz-Weber (Denver, USA) und Christina Brudereck (Essen) diesen Fragen auf den Grund gehen. Musikalisch wird das Wochenende begleitet von 2Flügel.

Save the date!

09.09.-11.09.2016 in Eschborn-Niederhöchstadt (bei Frankfurt)

Weitere Informationen zu Programm und Anmeldung werden in nächster Zeit folgen. Wir freuen uns, wenn ihr den Termin in euren Netzwerken weitergebt. Bitte verwendet als Hashtag #EF16.