Auf der Forums-Seite gibt es nun ersten Bilder vom Freitag:
Nadia Bolz-Weber ist Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika und Gründerin der Gemeinde „House for all Sinners and Saints“ in Denver, Colorado. Sie ist Autorin verschiedener Bestseller (z.B. „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“: Pastorin der Ausgestoßenen) und wenn sie nicht gerade auf dem Emergent Forum 2016 Hauptrednerin ist, findet man sie zuhause bei ihrer Familie, beim Gewichtheben oder im Freien mit ihrer Deutschen Dogge Zacchaeus. Zehn Fragen an Nadia – los geht’s:
1. Bitte nenne zwei Bücher, die dich besonders inspiriert haben und die noch viel zu unbekannt sind.
Wo Gott den Menschen trifft. Luthers Botschaft vom nahen Gott von Gerhard Forde und die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor.
2. Was assoziierst Du mit den Begriffen Emergent/ Emerging Church?
Den Begriff verwendet in den USA niemand mehr. Eine Zeit lang hat er sich aber vor allem auf postmoderne Gemeinden bezogen.
3. Was sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen für Christsein in der heutigen Zeit?
Menschliche Sünde. Dieselbe Herausforderung, die Christen schon immer hatten. Wir wollen unsere eigenen Götter sein. Wir wollen unsere Feinde nicht lieben. Wir wollen nicht vergeben oder uns vergeben lassen. Wir wollen im Recht sein. Manches ändert sich nie.
4. Die gute Nachricht ist…
die schlechteste gute Nachricht, die ich je gehört habe. Denn sie bedeutet Barmherzigkeit, Gnade und Vergebung für mich UND für meine Feinde. Und doch kann nur sie mich retten.
5. Ein Beispiel dafür, wie ich Spiritualität im Alltag gestalte ist…
In meinem Leben kommt Spiritualität im Scheitern zum Vorschein und nicht, wenn ich nach ihr strebe. Das heißt, ich werde verwandelt, wenn meine Pläne und Maßnahmen allesamt fehl gehen – wenn mir vergeben wird, wenn mir eine Art von Liebe zuteil wird, derer ich mich nie als würdig genug erweisen könnte. Spiritualität ergibt sich für mich nie daraus, dass ich mir das Ziel setze, spiritueller zu werden.
6. Eine der größten Gefahren von Menschen ist es, ihre Biografie zu totalisieren. Was hat Dich so geprägt, dass Du aufpassen musst, es nicht über zu betonen?
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7. Ein besonders skurriles Erlebnis hatte ich:
So eine bizarre Sex-Sekte in Kalifornien hat mich gebeten, auf ihrer Freizeit zu sprechen. Ich habe dankend abgelehnt.Moment mal, ihr seid keine bizarre deutsche Sex-Sekte oder?
8. In zwanzig Jahren wird…
es Raketenrucksäcke für alle geben.
9. (Diese Website ist) mein Geheimtipp im Netz:
Gib auf der Homepage Nummer und Anschrift an. (Frage an alle: Wo liegt der Übersetzungsfehler?)
10. Dieser längst vergessene Blogeintrag lohnt sich noch immer zu lesen:
Christina Brudereck, Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Essen. Sie schreibt, spricht, reimt und reist und verbindet dabei Poesie, Spiritualität und Menschenrechtsfragen. Gemeinsam mit dem Pianisten Ben Seipel bildet sie das Duo 2Flügel. Sie liebt Indien, Südafrika und das Ruhrgebiet, wo sie in einer Kommunität lebt. Im September wird sie beim Emergent Forum 2016 dabei sein. Zehn Fragen, zehn Antworten – los geht’s!
1. Bitte nenne zwei Bücher, die dich besonders inspiriert haben und die noch viel zu unbekannt sind.
„Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus.“ Von Luna Al-Mousli. Das Buch ist ein Kleinod! Das Leseerlebnis beginnt beim Berühren des Papiers. Die grafische Gestaltung ist eine Kunst. Die junge Autorin schreibt herzergreifend, sympathisch. Ein aktuelles Buch zum Mitleiden, Fühlen, Hineindenken, Verrücktwerden.
Und, gerade gelesen: „Kaddish“ von Leon Wieseltier. Ein Sohn betet für seinen verstorbenen Vater. Er betet das Kaddish, das traditionelle Trauergebet seiner jüdischen Erzählgemeinschaft. Ein Buch über die Wiederentdeckung der eigenen Wurzeln und Schätze. Über Unterbrechungen und Abschiede, den Umgang mit Lücken. Stilistisch nicht einzuordnen; ein dicker Essay, Biografie, voller Aphorismen, ein großes Gedicht.
2. Was assoziierst Du mit den Begriffen Emergent/ Emerging Church?
Ich denke bei „emergent“ an meinen Lieblingsbaum. Eine alte Süßkirsche. An Wurzeln, rosa Blüten, Wetter, Rhythmus, Licht, Reife, roten, süßen Mund. Mit „Emerging Church“ bete ich: Die Geistkraft möge ausblühen, was wachsen will.
3. Was sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen für Christsein in der heutigen Zeit?
Korruption. Bestechlichkeit. Angst. Dass wir uns kaufen lassen. Einlullen lassen vom Markt. Täuschen lassen von Medien. Dass wir uns einschüchtern lassen von Menschen, die Einfluss haben. Dass wir nicht sagen, was wir denken. Und nicht tun, was wir sagen.
4. Die gute Nachricht ist…
Wo die Geisteskraft weht, ist Freiheit. Immer wieder zeigen uns einzelne Personen und Bewegungen, dass es anders geht. Dass die Liebe stärker ist. Dass die Freiheit mehr fasziniert. Dass Gnade gewinnt.
5. Ein Beispiel dafür, wie ich Spiritualität im Alltag gestalte ist…
Ich meditiere jeden Tag. Lebe in einer Kommunität. Schreibe Tagebuch. Ich stehe morgens am Fenster, verneige mich und sage Richtung Himmel: Meine Kraft kommt von Dir. Meine Freude kommt von Dir. Meine Aufgabe kommt von Dir.
6. Eine der größten Gefahren von Menschen ist es, ihre Biografie zu totalisieren. Was hat Dich so geprägt, dass Du aufpassen musst, es nicht über zu betonen?
Nach meinem theologischen Examen und Assement-Centre wurde meine kirchliche Laufbahn gestoppt. Ich konnte kein Vikariat machen, wurde keine Pfarrerin, musste mir einen eigenen Weg suchen. Der Satz „Die Kirche braucht mich nicht“ meldet sich immer wieder mal zu Wort. Ich will ihn gar nicht glauben, aber er hat meine Lebensberufung so tief in Frage gestellt, dass er sich immer noch mal meldet. Dann werde ich stumm, zynisch oder bockig, im besten Fall zornig. Das ist aber alles nicht hilfreich…
7. Ein besonders skurriles Erlebnis hatte ich:
Als ich in Südafrika Heimweh hatte und ausgerechnet in einem jüdischen Café ein Zuhause fand. Als ich neulich beklaut worden war. Handy, Schlüsselbund und Portemonnaie weg. Und Henning Baum, der letzte Bulle, saß vor der Eisdiele. Da hätte ich am Liebsten gerufen: „Mick, aller Macho, hilf mir! Halte den Dieb!“
Als ich in einer Gruppe mit Jüdinnen, Muslimen, Orthodoxen und Katholikinnen immer „Unsere Jüngste“ genannt wurde; ich, die Protestantin.
8. In zwanzig Jahren wird…unsere Generation, wissen Mark Twain meinte, als er sagte:
In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, verlasse den sicheren Hafen, hol dir die Passatwinde in deine Segel. Erforsche. Träume. Entdecke.
9. Diese Website ist mein Geheimtipp im Netz:
transcend.org/galtung – Der Friedensforscher Johan Geltung ist eine Koryphäe. Was friedliche Lösungen und Wandel angeht, hat er einfach mehr Erfahrung und vor allem mehr Phantasie.
10. Dieser längst vergessene Blogeintrag lohnt sich noch immer zu lesen:
Ich schätze den Blog von Alice Walker (Alicewalkersgarden.com) und denke an den Beitrag vom 27. November 2015 „Talking About Paris To A Five Year Old“. Alice Walker kommentiert einen Text von Frank Barat mit den Worten: „Ich meine, so ein Gespräch sollten alle Erwachsenen mit ihren Kindern in der ganzen Welt führen.“
Gofi Müller, 70er Jahrgang, ist Autor, Musiker und Maler und lebt mit seiner Familie in Marburg. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er mehrere Bücher und Musikalben. Zusammen mit Jacob „Jay“ Friedrichs macht er in jüngster Zeit vor allem mit dem Projekt Hossa Talk von sich hören. Gut, dass die beiden im September beim Emergent Forum dabei sind. Wir haben Gofi unsere Klassiker-Fragen gestellt:
1. Bitte nenne zwei Bücher, die dich besonders inspiriert haben und die noch viel zu unbekannt sind.
Besonderen Eindruck hat bei mir ‚Betting on the Muse‘ von Charles Bukowski hinterlassen, diese Betrachtung des Lebens von schräg unten mit unverhohlener Gehässigkeit finde ich persönlich total aufschlussreich und in all ihrer Hässlichkeit wunderschön. N.T. Wright ist für mich ein besonders wichtiger Theologe. ‚Surprised by Hope‘ war ein großer Augenöffner.
2. Was assoziierst Du mit den Begriffen Emergent/ Emerging Church?
Ich habe hier zum ersten Mal erlebt und gelernt, dass man wirklich über alles im Bereich des Glaubens reden und nachdenken darf. Das war ein wahnsinnig befreiendes Erlebnis. Ich verstehe Hossa Talk als eine direkte Folge daraus.
3. Was sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen für Christsein in der heutigen Zeit?
Ich denke, die größte Herausforderung besteht darin, sich nicht in altbekannten Denk- und Glaubensmustern zu verschanzen, sondern sich immer wieder neu mit den Herausforderungen unserer Zeit zu konfrontieren und uns zu hinterfragen, was es hier und jetzt bedeutet, Jesus nachzuahmen.
4. Die gute Nachricht ist…
die Botschaft, dass Gott uns von selbstauferlegten Abhängigkeiten befreit hat.
5. Ein Beispiel dafür, wie ich Spiritualität im Alltag gestalte ist…
dass ich meine Familie tatkräftig unterstütze.
6. Eine der größten Gefahren von Menschen ist es, ihre Biografie zu totalisieren. Was hat Dich so geprägt, dass Du aufpassen musst, es nicht über zu betonen?
Möglicherweise ist das die Erfahrung, wie wohltuend, heilsam und für das Glaubensleben förderlich es ist, zu keiner lokalen christlichen Gemeinde zu gehören. Früher habe ich gepredigt, dass das in jedem Fall glaubensschädlich ist. Heute denke ich das Gegenteil. Aber bitte, wir wollen nicht verallgemeinern. Auch ich bin noch auf dem Weg …
7. Ein besonders skurriles Erlebnis hatte ich, als…
ich auf einer abschüssigen Straße kurz mit dem Wagen anhielt, um zu pinkeln, und dann während des Pinkelns mein Auto an mir vorbeirollte, weil ich vergessen hatte, die Handbremse anzuziehen.
8. In zwanzig Jahren wird…
einer meiner Romane in einem Antiquariat verstauben.
9. Diese Website ist mein Geheimtipp im Netz:
www.biologos.org: Christen versuchen, ihren Glauben mit neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entstehung der Welt zu harmonisieren.
10. Dieser längst vergessene Blogeintrag lohnt sich noch immer zu lesen:
Meint ihr einen von mir? Bestimmt, oder? Na gut, wenn es sein muss: Meine Kritik an der Verfilmung des ‚Hobbit‘.
https://marburgersyndikat.wordpress.com/2013/01/14/der-hobbit-im-kino-mettwurst-statt-kaviar/
Anmerkungen: Tickets für das Emergent Forum 2016 „Kirche für alle, aber…“ u.a. mit Hossa Talk gibt es hier.
„Man muss tief verwurzelt sein in der Tradition, wenn man innovativ sein will.“
(Nadia Bolz-Weber)
Wikipedia liefert für das Stichwort „Tradition“ folgende Definition: „Tradition (von lat. tradere‚ hinüber-geben‘ oder traditio ‚ Übergabe, Auslieferung, Überlieferung‘) bezeichnet die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen […] oder das Weitergegebene selbst […]. Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich […] erfolgen.“
Innovation (von lat. innovare ‚erneuern‘) hingegen meint aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive einen absichtlichen und gezielten Veränderungsprozess, der auf etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes abzielt (Stichwort: Erfindung). Die künstlerische bzw. kreative Innovation sucht nach neuen Ausdrucksformen und Gestaltungsmöglichkeiten von Emotionen, Erlebnissen und Gedanken.
Dazu einige zusammenhangslose Fragen: Was meint „verwurzelt sein“ in der Tradition? Das tatsächliche Praktizieren oder die Kenntnis der Tradition? Welche Tradition ist überhaupt gemeint, denn es gibt ja ganz unterschiedliche Strömungen? Benötigt das „Neue“ und „bisher Unbekannte“ die Tradition, oder können neue Ausdrucksformen auch losgelöst von der Tradition entwickelt werden? Ist Tradition nicht auch oft ein Hindernis, weil sie den kreativen Prozess einschränkt bzw. in eine bestimmte Richtung lenkt (ablehnend oder befürwortend)? Anders gesagt: entsteht Innovation, weil die Tradition als unzureichend empfunden wird oder in der direkten Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Lebenswelt, also unabhängig von der Tradition? Oder ist es, wie so oft, etwas von beidem?
Fragen über Fragen…
Und wo wir doch schon dabei sind:
Tickets für das Emergent Forum 2016 u.a. mit Nadia Bolz-Weber gibt’s hier noch bis zum 15.5. zum Frühbucherrabatt.
Im November letzten Jahres trafen wir uns in Heidelberg zum interaktiven Workshoptag „Einfach Emergent“. Dieser hatte das Thema Glaube & Wahrnehmung.
Irmela Büttner hat auf dem Tag ein Video erstellt:
Man kann es auf der einen Seite als Außenstehender ziemlich amüsant finden, dass eine Pastorin allein durch ihr Frausein, ihre Tätowierungen und ihre coole Sprache einen christlich-medialen Hype generiert und als das neue It-Piece der christlich-progressiven Szene gilt: Sagt das nicht sehr viel aus über den erbärmlichen Zustand und das Wesen unserer Kirche?
Man kann sie auf der anderen Seite als den neuen Stern am Kirchenhimmel und als schillerndes Vorbild eines neuen Leitungs- und Kirchenideals feiern: Wenn wir nur mehr von ihrer Sorte hätten, dann wären unsere Kirchen voll!
Man kann sie drittens aber auch einfach als eine inspirierende Persönlichkeit wahrnehmen, sie auf das Emergent Forum 2016* einladen und ihre Gedanken als Ausgangspunkt für eine konstruktive Debatte über die Zukunft unserer Kirche nehmen.
Hm…wir nehmen Letzteres.
Dran bleiben und in den nächsten Tagen mehr erfahren.
* Tickets gibt’s hier: http://ef16.emergent-deutschland.de/anmeldung/
(Frühbucherrabatt noch bis 15.5)
Wie kann d
as Christentum in einer urbanen Umgebung aussehen? Vor welchen Herausforderungen steht es dabei? Wie kann man lokale Netzwerke zwischen Kirchen und partnerschaftliche Beziehungen zum Islam aufbauen? Welche Rolle kann das Christentum im Kontext urbaner Armut und Fragmentierung spielen? Diese Frage beantwortet Harald Sommerfeld in einem fast 700-Seiten starken Buch, dass hier ausführlich besprochen werden soll.
4. Offenheit und Realismus
Einige Monate sind schon ins Land gegangen seit dem letzten Blogpost über die Frage: „Was sehen wir, wenn wir glauben?“. Und in den vorigen Posts (1) (2) (3) wurde die Frage bisher erst indirekt beantwortet.
Was sehen wir eigentlich, wenn wir glauben?
Zuerst muss man vielleicht sagen: nichts, was nicht alle anderen auch sehen.
Wir sehen die gleiche Welt, wir machen die gleichen Erfahrungen, wie alle anderen Menschen auch. Wir haben keine verrückte mystische Erfahrung einer ganz anderen Welt. Stattdessen wird die Erfahrung dieser Welt ver-rückt. Man kann sagen: wir sehen keine andere Welt, sondern diese Welt anders.
Oder mit dem Theologen Eberhard Jüngel gesprochen: wir machen keine Sondererfahrung, sondern eine „Erfahrung mit der Erfahrung“.
Das heißt: wie für alle anderen Menschen ist die Welt für uns die gleiche „schrecklich Schöne“ und „ganz schön Schreckliche“, aber wir sehen, was wir glaubend, liebend, hoffend sehen, mit anderen Augen.
Ein Punkt davon ist die Offenheit unserer Wahrnehmung.
Unsere Wahrnehmung der Welt und anderer Menschen kann sich zu einem geschlossenen Weltbild verfestigen, in das wir dann auch andere Menschen ein-ordnen. Und vermutlich kann niemand von uns ohne so ein Welt-Bild leben. Wenn unsere Wahrnehmung völlig ungeordnet wäre, wenn wir keine Raster und Filter hätten, würde alles auf uns einströmen und würde unsere geistige Gesundheit und unsere Handlungsfähigkeit zerstören. Aber Weltbilder können unsere Wahrnehmung so verengen, dass wir anderen Menschen und unserer Umwelt überhaupt nicht mehr unvoreingenommen wahrnehmen können. Ein Weltbild kann unempfänglich werden für neue Impulse. So können wir die Offenheit unserer Wahrnehmung fast vollständig verlieren.
Jetzt liegt es nahe, den christlichen Glauben als ein solches Weltbild zu verstehen. Und natürlich, wenn wir gesagt haben, dass wir die Welt anders sehen, dann klingt das doch nach einem festen Weltbild.
Doch besteht der Glaube auch aus Impulsen, die unser Weltbild irritieren. Wenn es beispielsweise heißt:
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.“ (Ex 20:4) Hier wird vor einem allzu festen Weltbild gewarnt. Ein festes Weltbild hat damit zu tun, dass man einen Aspekt der Welt nimmt und diesen absolut setzt – aus diesem einen „Götzen“ macht. Ein festes Bild beraubt der Welt und anderen Menschen ihre Möglichkeit sich zu entwickeln und zu bewegen. Ein Bildnis machen heißt den Dingen ihre Rätselhaftigkeit nehmen um sie ganz in den Griff kriegen zu wollen. Sich ein Bild machen heißt, dass wir unserer Welt die Möglichkeit nehmen und sie ganz und gar unveränderlich betrachten. Sich ein Bild machen heißt, den Blick für das Außer-Ordentliche zu verlieren, für alles, was in unsere Gewohnheit die Welt zu ordnen nicht passt. Das heißt auch, jede Lebendigkeit und Bewegung aus der Welt zu verbannen und sie nur statisch nur unbeweglich zu sehen.
Dagegen wird hier gewarnt. So hat der Glauben damit zu tun, unsere festen Weltbilder und unsere scheinbaren Gewissheiten zu irritieren, um unseren Blick zu weiten. Im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung wird die Welt ein Ort neuer Möglichkeiten. Ein Ort, wo die Grenzen des Möglichen und des Unmöglichen verschoben werden und bisher unmögliches möglich wird. Wo Sätze wie „Liebet eure Feinde!“, „Vergebt!“, „Gebt ohne Gegenleistung!“ ihre Absurdität verlieren, weil wir die Welt nicht mehr als einen Ort des Mangels wahrnehmen, wo jeder Mensch zum Konkurrenten um knappe Ressourcen wird.
Es kommt eben darauf an, mit welchem Blick man auf die Welt schaut. Ein Blick kann eine Machtgeste sein: er kann unterwerfen, er kann strafen und disziplinieren. Man denke nur an den strengen Blick eines Lehrers, der ausdrücken kann: „Ich sehe genau, was du gerade tust!“. Davon unterscheidet sich möglicherweise der Blick eines Liebhabers oder einer Künstlerin.
Max Frisch sprach mal davon, dass Liebe bedeutet sich kein Bildnis zu machen.
Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden“
(Max Frisch, Tagebücher, Frankfurt a.M. 1985, S. 27)
Es gibt also einen Blick, der in anderen ein Geheimnis sieht, einen Blick der sagt: „Du bist mehr als das, was ich oder andere in dir sehen und selbst mehr als das, was du selbst in dir siehst!“
Und es gibt einen Blick, der Menschen festlegt, sie einengt, sie auf eine bestimmte Rolle begrenzt. So ginge es darum, die Menschen und ihre Welt liebevoll und hoffnungsvoll zu betrachten. Es geht darum, nicht fertig zu werden mit der Welt und so ihre Rätselhaftigkeit und Unausschöpflichkeit zu bewahren.
Nicht, weil die Welt dies immer so hergibt. Nicht, weil die Welt ein so wolkiger Ort ist, den man immer nur lieben kann. Nicht, weil die Menschen (uns selber eingeschlossen) zu jedem Zeitpunkt so liebenswert sind. Sondern, weil Gott mit dem Menschen und seiner Welt nicht fertig wird. Und weil ein offener Blick auf die Menschen und ihre Welt auch ein Mittel sein kann, durch das Dinge in Bewegung geraten und anders werden können.
Das wäre eine erste Erkenntnis:
Glaubend/Liebend/Hoffend wahrnehmen heißt, feste Bilder aufzubrechen, heißt: nicht fertig zu werden mit der Welt und den Menschen.
Aber das ist nicht alles. Denn die Offenheit für die Welt und ihre Möglichkeiten heißt nun nicht die Welt idealistisch wahrnehmen. Die Welt unvoreingenommen wahrnehmen heißt auch, sie ungetrübt wahrnehmen zu wollen.
Bonhoeffer schrieb einmal:
„Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen wie er ist; nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch. Während wir unterscheiden zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos den wirklichen Menschen.
Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung Gottes möglich.“
(Bonhoeffer, Dietrich, Ethik, 7. Auflage 1966, S. 75-79.)
Das ist dann die andere Seite. Nicht nur offen zu sein, für das Rätselhafte, sondern auch für das Wirkliche. Dann sucht man nach einem unverstellten Blick auf die Welt. Ohne zu idealisieren oder zu verteufeln. Und daraus folgt zweierlei: die Welt ist ein schöner Ort und ein schrecklicher Ort. Die selbe Person kann ein großes Potenzial für Zerstörung, Grausamkeit und Gewalt haben und für Zärtlichkeit, Fürsorge und Uneigennützigkeit. Und irritierender noch: beides kann im selben Moment auftauchen. Der Mensch und seine Welt ist alles andere als „ideal“, sondern meistens ziemlich banal, bisweilen auch brutal. Mit seinen albernen Leidenschaften, seinem Konkurrenzdenken, seiner Tendenz sich als Zentrum des Universums zu verstehen, mit seiner Angst etwas zu verpassen, aber auch mit seiner falschen Bescheidenheit, mit seiner Tendenz sich klein zu machen, mit seinem Drang sich zu unterwerfen. Aber manchmal auch mehr als das: mit seiner Grausamkeit, mit seiner Verachtung für alles andere, seiner Unfähigkeit, andere auszuhalten, seinem Chauvinismus, seinem Beharren darauf, wie die Dinge zu laufen haben, seiner Tendenz nicht ohne eine Festes „Wir hier drin“ gegen „Die da draußen“ auszukommen und der Unfähigkeit von sich selbst nur für einen Augenblick wegzuschauen kann der Mensch auch gefährlich sein.
Um den Menschen und seine Welt als gebrochene zu wissen und ihn dennoch bejahen zu können, grenzt an ein Wunder. Die manchmal banale, manchmal schöne, manchmal traurige und manchmal grausame Realität des Tieres Mensch zu sehen und lachen zu können, hat etwas sehr Befreiendes. Gerade der Humor kann ein Mittel sein, mit Würde in einer gebrochenen Welt leben zu lernen, ohne die Welt schöner oder schlimmer zu machen als sie ist.
Und so bedeutet eine offene Wahrnehmung der Welt auch eine realistische Wahrnehmung, eine ungeschönte Wahrnehmung. Es ist die Zuwendung Gottes zum Menschen und seiner Welt, die Menschwerdung Gottes, die uns diese Spannung aushalten lässt.
So heißt es auch bei Luther: Gott wendet sich nicht der Welt zu, weil sie ein liebenswerter Ort ist, sondern in dem Maße, in dem sich Gott zur Welt wendet, schafft er das Liebenswerte. Während die menschliche Liebe das liebt, was liebenswert ist, ist Gottes Liebe schöpferisch. Das entfaltet Luther in der letzten These der Heidelberger Disputation:
„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. (…)
Das ist klar, weil die Liebe Gottes – sofern im Menschen lebendig – liebt, was sündig, schlecht, töricht und schwach ist, um es gerecht, gut, weise und stark zu machen, und so viel mehr sich verströmt und Gutes schafft. Darum nämlich, weil sie geliebt werden, sind die Sünder »schön«, nicht aber werden sie geliebt, weil sie »schön« sind. Menschliche Liebe flieht daher die Sünder und Bösen, Christus jedoch sagt: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder« (Mt 9,13). Solcher Art ist die Liebe des Kreuzes, geboren aus dem Kreuz, daß sie sich nicht dorthin wendet, wo sie das Gute findet, um es zu genießen, sondern dorthin, wo sie das Gute den Armen und Bedürftigen austeilen kann.“
Aus der Geschichte vom Kreuz zu leben heißt also beides zu sehen: die manchmal unschöne Realität der Welt und die Möglichkeit zur Transformation, die Zukunftsoffenheit jedes Menschen und die Schönheit des Gebrochenen.
Ihr habt lange gewartet, nun ist es endlich so weit. Die Anmeldung zum Emergent Forum 2016 vom 9.-11.9 2016 ist nun eröffnet.
Kirche für alle? Wirklich? Alle? Oder wollen wir nicht viel lieber in unseren altbekannten, überschaubaren und geordneten Gemeinschaften bleiben, wo alles seine Richtigkeit und Ordnung hat? Aber einmal angenommen, wir könnten uns auf dieses Wagnis der offenen Türen einlassen: wie kann eine solche Gemeinschaft funktionieren, ohne die eigene Identität aufzugeben?
Anspruch und Wirklichkeit – man kennt die Geschichte.
Höchste Zeit, diesen Fragen gemeinsam auf den Grund zu gehen. Prominente Verstärkung gibt es dabei von Nadia Bolz-Weber (USA), Christina Brudereck (Essen) und Hossa Talk (Marburg).