„Irgendwas mit Postmoderne“

… so lautete der Arbeitstitel für diesen Post, den ich vom Koordinator dieses Blogs geschickt bekam, und ich finde, das Unbestimmte passt exzellent zum Thema. „Postmoderne“ ist ein schillernder Begriff, der in vielen Zusammenhängen auftaucht – oder auch nicht mehr auftaucht. Manche Zeitgenossen im konservativen Spektrum haben daraus den voreiligen Schluss gezogen und freudig verkündet, dass es mit dem irritierenden Phänomen schon vorbei sei und dass man überhaupt gut daran täte, sich vom Zeitgeist fern zu halten, das erspare grundlose Aufregung und verhindere unzuträglichen Aktivismus. Sie halten Postmoderne für eine flüchtige Mode, die keine Konsequenzen hat für ihr Weltbild und ihre Theologie, die entweder besagt, es gebe im Grunde nichts Neues (der Mensch ist ein Sünder und Gott ist – freilich innerhalb gewisser Grenzen – gnädig, mehr muss man doch gar nicht wissen), oder aber, alles sei im schleichenden Verfall begriffen, beziehungsweise rase auf einen dystopischen Abgrund zu. Mit Postmoderne assoziieren sie konstruktivistische Beliebigkeit, Kulturrelativismus, Hyperindividualismus, sowie alles, was irgendwie kryptisch und irrational daherkommt – und einen totalitären Pluralismus, dessen einzig absolutes Dogma es ist, dass es keine absoluten Dogmen zu geben hat.

Aber das ist eine Karikatur, die an der Realität vorbei geht. Es geht auch nicht um eine Anpassung an die Marotten des Hipster-Milieus. In den letzten 30 Jahren hat sich unsere Zivilisation grundlegend gewandelt. Begriffe wie „Risikogesellschaft“, „Konsumgesellschaft“ oder „Leistungsgesellschaft“ zeigen an, in welche Richtung dieser Wandel verläuft. Viele dieser Facetten hat Zygmunt Bauman mit seinem Konzept der „fluiden Moderne“ erfasst. Und wer den narrativen Zugang vorzieht, wird in George Packers preisgekröntem Buch „Die Abwicklung“ fündig, wo neben kurzen Kapiteln über Prominente wie Sam Walton, Newt Gingrich oder Oprah Winfrey vor allem der Überlebenskampf unbekannter Amerikaner wie Tammy Thomas oder Dean Price beschrieben wird, denen ihre Existenzgrundlage genommen wird und die bei der Bewältigung der Folgen des massiven Wandels auf sich allein gestellt sind, oder wie Jeff Connaughton, der erst an der Wall Street und dann in Washington  Karriere macht, um schließlich desillusioniert auszusteigen.

Die flüchtige Moderne beginnt in der westlichen Welt mit dem Aufstieg des Neoliberalismus unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher, sie erringt ihren ersten großen Triumph im Zusammenbruch des Kommunismus und dem daraus resultierenden Fall des eisernen Vorhangs. In Deutschland ist es das Privatisierungs- und Abwicklungsprogramm der Treuhand im Gefolge der Wiedervereinigung, das die familiäre Bundesrepublik und ihr Arrangement der sozialen Marktwirtschaft ablöst, neoliberalen Ideen zum Durchbruch verhilft und eine Kultur des Wettbewerbs, der Deregulierung und des Abbaus sozialer Sicherungssysteme etabliert. Es war das Ende der „soliden Moderne“, die seit dem Erdbeben von Lissabon 1755  alles daran gesetzt hatte, das Leben der Menschen gegen die üblen Launen des Schicksals abzusichern und eine berechenbare, stabile Welt zu schaffen. Der Rückzug des Sozialstaates hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst, wie Oxfam gerade wieder nachdrücklich dargestellt hat.

Um zu erfahren, wie real dieser Umbruch ist, muss ich kein philosophisches oder soziologisches Buch lesen, ich muss nur mit jenen Angestellten der ortsansässigen großen Elektrofirma sprechen, die hier seit über 25 Jahren arbeiten. Sie erzählen allesamt, wie drastisch sich ihre Welt verändert hat. Es ist nicht zuletzt dieser Umbruch, der unter den tatsächlichen oder auch nur gefühlten Verlierern den Boden bereitet hat für eine neue Rechte, die überall in Europa eine schablonenhafte Kapitalismuskritik, das Misstrauen gegen gesellschaftliche Eliten und die militante Abschottung gegen alles Fremde kombiniert. In der neuen Situation der flüchtigen Moderne sind viele gesellschaftliche Institutionen geschwächt und überfordert, unter anderem auch die Nationalstaaten.

Und so haben viele Menschen das frustrierende Gefühl, diesen Entwicklungen hilflos ausgeliefert zu sein. Die verlorene Sicherheit und Geborgenheit der soliden Moderne, auch in der Gestalt des real existierenden Sozialismus, lässt Menschen verunsichert zurück. Nicht jeder schafft es, sich in den neuen, sich stetig verändernden Landschaften zu orientieren. Was sich früher wie ein stabiler Kontinent anfühlte, entpuppt sich als lose Ansammlung schwimmender Inseln. Wasser bietet keinen Halt. Also greifen manche (auch in der Theologie) auf alte, vertraute Landkarten zurück, die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben, aber wenigstens die Illusion von Ordnung aufrecht halten. Derweil lässt der deregulierte globale Kapitalismus seine stattlichen Gewinne weitgehend unbehelligt in die Taschen einiger weniger fließen, während für die Risiken alle haften. Die Schwachen treffen die Krisen daher besonders unerbittlich. Dafür dürfen die Massen wenigstens medial am Leben der Reichen und Schönen teilnehmen, das sich hinter Elektrozäunen und getönten Scheiben abspielt. Wer ab und zu einen Blick in diesen Himmel wirft, kommt vielleicht nicht so schnell auf die Idee, seine Idole dort für das Elend hier zur Rechenschaft zu ziehen. Die Superreichen haben sich längst ihre eigenen Inseln geschaffen, in denen sie unter sich bleiben und von denen aus sie ihre Macht ausüben. Bauman beobachtet:

„Die Macht bewegt sich heute mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, so dass die Zeit ihrer Übermittlung auf eine momenthafte Gegenwart schrumpft. Damit ist die Macht in jeder Hinsicht exterritorial geworden. Sie ist weder an den Raum gebunden, noch hindert dieser ihre Verbreitung.“

„Als wesentliche Machttechnik zeichnet sich jetzt das Ver- und Entschwinden ab, das Ausbüchsen, das Sich-Entziehen, die Verweigerung jeglicher territorialen Beschränkung, samt den damit verbundenen mühseligen und kostspieligen aufgaben der Errichtung und Erhaltung einer Ordnung in diesem Territorium.“ (Flüchtige Moderne, S. 18f.)

War die solide Moderne mit ihren Nationalstaaten noch als Triumph der Sesshaftigkeit über das Nomadische zu verstehen, so haben wir heute nicht nur die exterritorialen globalen Eliten, die wie antike Latifundienbesitzer fern ihrer Güter in den Metropolen leben, sondern auch die globalen Fluchtbewegungen, die völlig neue Dimensionen angenommen haben: „Wir sind Zeugen eines Rachefeldzugs des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und Sesshaftigkeit.“

Das alles ist, kurz umrissen, die Welt der Flüchtigen Moderne. Natürlich hat das Auswirkungen darauf, wie wir uns selbst und unsere Umgebung wahrnehmen, wie wir glauben und wie wir als Kirche leben und uns organisieren. Nichts spricht dafür, dass sich daran so schnell etwas ändert, und doch werden an vielen Orten noch die Fragen und Themen der soliden Moderne diskutiert, wird im Paradigma der Kontrolle gedacht: Wir haben es mit einer dogmatisch starren Theologie der Sesshaftigkeit zu tun – die auf das Bekenntnis der Alteingesessenen pocht, das gefühlt schon immer galt und deshalb auch immer unwandelbar gelten muss – und einer strukturell rigiden Ekklesiologie, die an den Organisationsformen der soliden Moderne (Parochie, Kirchensteuer, Beamtentum) nicht zu rütteln wagt. Für beide Richtungen gilt Adenauers Slogan: „Keine Experimente“.

Das Problem des sesshaften volkskirchlichen Strukturkonservativismus oder des frommen Bibel- und Bekenntniskonservativismus ist dabei nicht die Rückbindung an die Geschichte, sondern dass diese Rückbindung einfach nicht weit genug zurück reicht. Liest man als postmoderner Zeitgenosse die Bibel, dann springen einen die zahlreichen Bezüge auf ein nomadisches Leben geradezu an: Das wandernde Gottesvolk, das Exil und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, der obdachlose Messias, die reisenden Apostel. „Zeit zum Aufstehen“ wäre dann ein passender Slogan, wenn man danach nicht beharrlich auf demselben Fleck stehenbleiben wollte, um sein Erbe zu hüten und sein Territorium zu behaupten.

Der große tschechische Denker Tomáš Halík hat jüngst in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung über seine katholische Kirche nachgedacht, die sich noch immer mit den Folgen des späten Modernisierungsschubs aus dem zweiten Vatikanum abmüht, während in den Umbrüchen Europas sich schon die nächste epochale Aufgabe andeutet, nämlich die positiven Errungenschaften der europäischen Aufklärung wie Gleichstellung der Geschlechter, Toleranz und Religionsfreiheit an die Einwanderer weiterzugeben. Was er schreibt, gilt freilich auch für Protestanten in einer postmodernen Welt:

Ich denke, auf die katholische Kirche wartet eine ähnliche geschichtsbildende Aufgabe wie damals an der Schwelle des Mittelalters, falls sie sich der enorm wichtigen Rolle eines Dolmetschers zwischen dem Islam und dem säkularen Westen annimmt; sie kann doch in vielem besser als die Atheisten den Islam verstehen und auch besser als die Muslime den Säkularhumanismus, dieses ungewollte Kind des westlichen Christentums.

Die Kirche der Zukunft sollte das sein, was die Universität in ihren Anfängen sein wollte – eine Gemeinschaft des Lebens, des Gebets und der Lehre. Sie sollte die eigentlichen Wurzeln des Christentums wiederentdecken: den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.

 

Ein Kommentar

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