hören #88: Ich möchte nicht das Aber sein, sondern das Und. – Die grenzenlose Liebe & unsere Lieblingsgrenzen (Christina Brudereck)

Nach langem Warten hier endlich der Vortrag von Christina Brudereck beim Emergent Forum 2016 in Niederhöchstadt.

„Irgendwas mit Postmoderne“

… so lautete der Arbeitstitel für diesen Post, den ich vom Koordinator dieses Blogs geschickt bekam, und ich finde, das Unbestimmte passt exzellent zum Thema. „Postmoderne“ ist ein schillernder Begriff, der in vielen Zusammenhängen auftaucht – oder auch nicht mehr auftaucht. Manche Zeitgenossen im konservativen Spektrum haben daraus den voreiligen Schluss gezogen und freudig verkündet, dass es mit dem irritierenden Phänomen schon vorbei sei und dass man überhaupt gut daran täte, sich vom Zeitgeist fern zu halten, das erspare grundlose Aufregung und verhindere unzuträglichen Aktivismus. Sie halten Postmoderne für eine flüchtige Mode, die keine Konsequenzen hat für ihr Weltbild und ihre Theologie, die entweder besagt, es gebe im Grunde nichts Neues (der Mensch ist ein Sünder und Gott ist – freilich innerhalb gewisser Grenzen – gnädig, mehr muss man doch gar nicht wissen), oder aber, alles sei im schleichenden Verfall begriffen, beziehungsweise rase auf einen dystopischen Abgrund zu. Mit Postmoderne assoziieren sie konstruktivistische Beliebigkeit, Kulturrelativismus, Hyperindividualismus, sowie alles, was irgendwie kryptisch und irrational daherkommt – und einen totalitären Pluralismus, dessen einzig absolutes Dogma es ist, dass es keine absoluten Dogmen zu geben hat.

Aber das ist eine Karikatur, die an der Realität vorbei geht. Es geht auch nicht um eine Anpassung an die Marotten des Hipster-Milieus. In den letzten 30 Jahren hat sich unsere Zivilisation grundlegend gewandelt. Begriffe wie „Risikogesellschaft“, „Konsumgesellschaft“ oder „Leistungsgesellschaft“ zeigen an, in welche Richtung dieser Wandel verläuft. Viele dieser Facetten hat Zygmunt Bauman mit seinem Konzept der „fluiden Moderne“ erfasst. Und wer den narrativen Zugang vorzieht, wird in George Packers preisgekröntem Buch „Die Abwicklung“ fündig, wo neben kurzen Kapiteln über Prominente wie Sam Walton, Newt Gingrich oder Oprah Winfrey vor allem der Überlebenskampf unbekannter Amerikaner wie Tammy Thomas oder Dean Price beschrieben wird, denen ihre Existenzgrundlage genommen wird und die bei der Bewältigung der Folgen des massiven Wandels auf sich allein gestellt sind, oder wie Jeff Connaughton, der erst an der Wall Street und dann in Washington  Karriere macht, um schließlich desillusioniert auszusteigen.

Die flüchtige Moderne beginnt in der westlichen Welt mit dem Aufstieg des Neoliberalismus unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher, sie erringt ihren ersten großen Triumph im Zusammenbruch des Kommunismus und dem daraus resultierenden Fall des eisernen Vorhangs. In Deutschland ist es das Privatisierungs- und Abwicklungsprogramm der Treuhand im Gefolge der Wiedervereinigung, das die familiäre Bundesrepublik und ihr Arrangement der sozialen Marktwirtschaft ablöst, neoliberalen Ideen zum Durchbruch verhilft und eine Kultur des Wettbewerbs, der Deregulierung und des Abbaus sozialer Sicherungssysteme etabliert. Es war das Ende der „soliden Moderne“, die seit dem Erdbeben von Lissabon 1755  alles daran gesetzt hatte, das Leben der Menschen gegen die üblen Launen des Schicksals abzusichern und eine berechenbare, stabile Welt zu schaffen. Der Rückzug des Sozialstaates hat zu vielerlei sozialen Verwerfungen geführt und Risiken produziert, denen der einzelne weithin schutzlos ausgeliefert ist, während die Macht und der Reichtum einer kleinen globalen Elite, die im Unterschied zu den einfachen Leuten nicht an einen Ort gebunden ist, exponential wächst, wie Oxfam gerade wieder nachdrücklich dargestellt hat.

Um zu erfahren, wie real dieser Umbruch ist, muss ich kein philosophisches oder soziologisches Buch lesen, ich muss nur mit jenen Angestellten der ortsansässigen großen Elektrofirma sprechen, die hier seit über 25 Jahren arbeiten. Sie erzählen allesamt, wie drastisch sich ihre Welt verändert hat. Es ist nicht zuletzt dieser Umbruch, der unter den tatsächlichen oder auch nur gefühlten Verlierern den Boden bereitet hat für eine neue Rechte, die überall in Europa eine schablonenhafte Kapitalismuskritik, das Misstrauen gegen gesellschaftliche Eliten und die militante Abschottung gegen alles Fremde kombiniert. In der neuen Situation der flüchtigen Moderne sind viele gesellschaftliche Institutionen geschwächt und überfordert, unter anderem auch die Nationalstaaten.

Und so haben viele Menschen das frustrierende Gefühl, diesen Entwicklungen hilflos ausgeliefert zu sein. Die verlorene Sicherheit und Geborgenheit der soliden Moderne, auch in der Gestalt des real existierenden Sozialismus, lässt Menschen verunsichert zurück. Nicht jeder schafft es, sich in den neuen, sich stetig verändernden Landschaften zu orientieren. Was sich früher wie ein stabiler Kontinent anfühlte, entpuppt sich als lose Ansammlung schwimmender Inseln. Wasser bietet keinen Halt. Also greifen manche (auch in der Theologie) auf alte, vertraute Landkarten zurück, die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben, aber wenigstens die Illusion von Ordnung aufrecht halten. Derweil lässt der deregulierte globale Kapitalismus seine stattlichen Gewinne weitgehend unbehelligt in die Taschen einiger weniger fließen, während für die Risiken alle haften. Die Schwachen treffen die Krisen daher besonders unerbittlich. Dafür dürfen die Massen wenigstens medial am Leben der Reichen und Schönen teilnehmen, das sich hinter Elektrozäunen und getönten Scheiben abspielt. Wer ab und zu einen Blick in diesen Himmel wirft, kommt vielleicht nicht so schnell auf die Idee, seine Idole dort für das Elend hier zur Rechenschaft zu ziehen. Die Superreichen haben sich längst ihre eigenen Inseln geschaffen, in denen sie unter sich bleiben und von denen aus sie ihre Macht ausüben. Bauman beobachtet:

„Die Macht bewegt sich heute mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, so dass die Zeit ihrer Übermittlung auf eine momenthafte Gegenwart schrumpft. Damit ist die Macht in jeder Hinsicht exterritorial geworden. Sie ist weder an den Raum gebunden, noch hindert dieser ihre Verbreitung.“

„Als wesentliche Machttechnik zeichnet sich jetzt das Ver- und Entschwinden ab, das Ausbüchsen, das Sich-Entziehen, die Verweigerung jeglicher territorialen Beschränkung, samt den damit verbundenen mühseligen und kostspieligen aufgaben der Errichtung und Erhaltung einer Ordnung in diesem Territorium.“ (Flüchtige Moderne, S. 18f.)

War die solide Moderne mit ihren Nationalstaaten noch als Triumph der Sesshaftigkeit über das Nomadische zu verstehen, so haben wir heute nicht nur die exterritorialen globalen Eliten, die wie antike Latifundienbesitzer fern ihrer Güter in den Metropolen leben, sondern auch die globalen Fluchtbewegungen, die völlig neue Dimensionen angenommen haben: „Wir sind Zeugen eines Rachefeldzugs des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und Sesshaftigkeit.“

Das alles ist, kurz umrissen, die Welt der Flüchtigen Moderne. Natürlich hat das Auswirkungen darauf, wie wir uns selbst und unsere Umgebung wahrnehmen, wie wir glauben und wie wir als Kirche leben und uns organisieren. Nichts spricht dafür, dass sich daran so schnell etwas ändert, und doch werden an vielen Orten noch die Fragen und Themen der soliden Moderne diskutiert, wird im Paradigma der Kontrolle gedacht: Wir haben es mit einer dogmatisch starren Theologie der Sesshaftigkeit zu tun – die auf das Bekenntnis der Alteingesessenen pocht, das gefühlt schon immer galt und deshalb auch immer unwandelbar gelten muss – und einer strukturell rigiden Ekklesiologie, die an den Organisationsformen der soliden Moderne (Parochie, Kirchensteuer, Beamtentum) nicht zu rütteln wagt. Für beide Richtungen gilt Adenauers Slogan: „Keine Experimente“.

Das Problem des sesshaften volkskirchlichen Strukturkonservativismus oder des frommen Bibel- und Bekenntniskonservativismus ist dabei nicht die Rückbindung an die Geschichte, sondern dass diese Rückbindung einfach nicht weit genug zurück reicht. Liest man als postmoderner Zeitgenosse die Bibel, dann springen einen die zahlreichen Bezüge auf ein nomadisches Leben geradezu an: Das wandernde Gottesvolk, das Exil und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, der obdachlose Messias, die reisenden Apostel. „Zeit zum Aufstehen“ wäre dann ein passender Slogan, wenn man danach nicht beharrlich auf demselben Fleck stehenbleiben wollte, um sein Erbe zu hüten und sein Territorium zu behaupten.

Der große tschechische Denker Tomáš Halík hat jüngst in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung über seine katholische Kirche nachgedacht, die sich noch immer mit den Folgen des späten Modernisierungsschubs aus dem zweiten Vatikanum abmüht, während in den Umbrüchen Europas sich schon die nächste epochale Aufgabe andeutet, nämlich die positiven Errungenschaften der europäischen Aufklärung wie Gleichstellung der Geschlechter, Toleranz und Religionsfreiheit an die Einwanderer weiterzugeben. Was er schreibt, gilt freilich auch für Protestanten in einer postmodernen Welt:

Ich denke, auf die katholische Kirche wartet eine ähnliche geschichtsbildende Aufgabe wie damals an der Schwelle des Mittelalters, falls sie sich der enorm wichtigen Rolle eines Dolmetschers zwischen dem Islam und dem säkularen Westen annimmt; sie kann doch in vielem besser als die Atheisten den Islam verstehen und auch besser als die Muslime den Säkularhumanismus, dieses ungewollte Kind des westlichen Christentums.

Die Kirche der Zukunft sollte das sein, was die Universität in ihren Anfängen sein wollte – eine Gemeinschaft des Lebens, des Gebets und der Lehre. Sie sollte die eigentlichen Wurzeln des Christentums wiederentdecken: den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.

 

hören #87: Fundamentalismus aus systematischer Sicht (Alex Kupsch)

Hier kommt der vierte und letzte Beitrag von der Tagung der Theologie-Initiative am 8./9. Mai in Fulda. Alex Kupsch beschäftigt sich mit Fundamentalismus aus systematisch-theologischer Sicht und fragt nach Möglichkeiten, religiösen Fundamentalismus nicht von einer aufklärerischen Position her zu kritisieren, sondern aus dem inneren Potential der Religion selbst heraus.

hören #86: Fundamentalismus – ein Abgrenzungsbegriff der defensiven Vernunft (Arne Bachmann)

Am 8./9. Mai traf sich die Theologie-Initiative von Emergent Deutschland in Fulda. Zum Thema „Fundamentalismus“ gab es inspirierende Beiträge und Diskussionen.

Auch der dritte Beitrag stammt von Arne Bachmann. Er geht die F-Frage nun aus einer ganz anderen Perspektive an: wie kommen wir eigentlich dazu, Bewegungen unterschiedlichster Couleur in diesem Containerbegriff zusammenzufassen?

Achtung – die Aufnahme enthält an einigen Stellen kurze, nicht entfernbare Pieptöne. Sie verdanken sich unbekannten technischen Ursachen und sind keinesfalls dazu da, F-Worte oder besonders skandalöse Aussagen zu maskieren.

hören #84: Die Neubelebung des Fundamentalismus (Peter Aschoff)

Am 8./9. Mai traf sich die Theologie-Initiative von Emergent Deutschland in Fulda. Zum Thema „Fundamentalismus“ gab es inspirierende Beiträge und Diskussionen. Einiges davon wird hier in lockerer Folge als Podcast veröffentlicht.

Wir beginnen mit dem Beitrag von Peter Aschoff zur neueren Geschichte des Fundamentalismus. Er konzentriert sich dabei vor allem auf den christlichen Bereich und beschreibt, wie das schon totgeglaubte Phänomen des Fundamentalismus seit den 1980er Jahren eine erstaunliche Neubelebung erfuhr.

Abschied vom bürgerlichen Christentum (5)

Im vierten Teil der Reihe hatte ich beschrieben, dass die christliche Bewegung das bürgerliche Koordinatensystem erst hinter sich lässt, wenn sie sich als real existierende Bewegung von Menschen entdeckt, anstatt sich als Heilsanstalt oder Publikum zu verstehen. Heute gibt es noch ein paar Überlegungen zu den Mustern, auf denen solch eine Bewegung beruht.

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 |

Selbstorganisation und Verbindlichkeit dritter Art

Traditionelle Sozialgebilde setzen ihre Interessen und Regeln mit mehr oder weniger offenem Druck durch; im christlichen Bereich ist das Kreuz das zusammenfassende Zeichen für die Opfer dieses Prinzips. Im bürgerlichen Zeitalter stehen diese älteren Organisationsformen im Konflikt mit der neuen Marktstruktur, die die Macht- und Gewaltverhältnisse abstrakter und schwerer durchschaubar werden lässt. Ihr Siegeszug scheint bisher noch ungebrochen. In der Marktbeziehung kontrollieren sich die Individuen eher selbst in Anpassung an die Marktregeln. Sie geht deswegen häufiger mit dem Gefühl der Freiheit einher. Beide Male haben die Beteiligten aber nicht die Verfügung über die Beziehungen und ihre Zugehörigkeit dazu.

Christliche Gruppen können keine dieser Mechanismen nutzen, um ihren Zusammenhalt zu begründen; und noch viel weniger, um die Gesellschaft insgesamt zu verchristlichen. Das grandiose Scheitern der die Gesellschaft dominierenden abendländischen Christenheit ist ein nicht zu übersehendes Zeichen dieser Unmöglichkeit.

Christliche Gemeinschaften können nur nach dem Prinzip der Selbstorganisation aufgebaut sein, wie auch immer das im Einzelnen gestaltet ist. Jesus hat in einer patriarchalischen Welt beharrlich eine vaterlose Organisationsstruktur eingefordert. Auf der anderen Seite ist die Marktstruktur (was auf eine Servicekirche hinauslaufen würde) ebenfalls nicht angemessen. Christliche Verbindlichkeit geht weit hinaus über das Muster von Leistung und Gegenleistung.

Selbstorganisation funktioniert nur mit Freiwilligkeit und selbstverantworteter Verbindlichkeit, die prinzipiell nie von außen erzwingbar ist. Sie erfordert die Lösung von ungeliebten, aber vertrauten Kontrollstrukturen. Stattdessen braucht sie eine dritte Art von Verbindlichkeit, die nicht der Marktlogik folgt, aber auch nicht von einem Machtträger erzwungen wird.

Diese dritte Art von Verbindlichkeit ist so ungewöhnlich, dass sie schnell mit den ersten beiden verwechselt wird, und zwar von Menschen innerhalb wie außerhalb des christlichen Bereichs. Sie braucht Menschen, die in Freiheit verankert sind. Schon Bonhoeffer hat beobachtet, wie Menschen eher bereit sind, für eine aufgezwungene Verantwortung (sprich: Dienst in der Wehrmacht) sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen als für eine frei gewählte Verantwortung (sprich: Widerstand gegen den NS).

Erst christliche Gemeinschaften, die nach dem Muster der frei gewählten, aber verbindlichen Verantwortung arbeiten, lassen den bürgerlichen Horizont hinter sich und konstituieren sich als Akteure, die relevante Zeichen des Evangeliums in der Gegenwart sind.

Das ist jetzt natürlich eher Aufgabenbeschreibung als Lösung. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns über die Aufgabe einig wären und sie angehen würden. Die Serie ist länger geworden als geplant. Dank allen, die bis hierher mitgegangen sind; und hoffentlich denken wir demnächst bei anderer Gelegenheit gemeinsam weiter.

Abschied vom bürgerlichen Christentum (4)

In den ersten drei Teilen der Serie habe ich die Rahmenbedingungen dargestellt, unter denen sich das neuzeitliche Christentum entwickelte, und welche Begrenzungen es dabei in Kauf nahm. Heute geht es um Perspektiven: wie kann die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche aufgebrochen werden?

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 5 |

Nur das Kollektiv schreckt den Bürger

Weil das Christentum von der Neuzeit weiterhin auf seinen spiritualistischen Irrweg fixiert wird, besteht die Perspektive natürlich darin, die Konzentration auf das Jenseits (welcher Art auch immer) zu überwinden und die Begegnung von Kirche bzw. Evangelium und Welt zu stärken. Und das geschieht ja gegenwärtig zum Glück bei vielen Gelegenheiten: Gemeindediakonie, Stadtteilorientierung, Fairtrade-Läden, Patenschaften zu sozialen Einrichtungen, Besuche in Gefängnissen, auch viele Elemente klassischer pastoraler Arbeit, Serve the City, Thematisierung der kirchlichen Milieugrenzen, Anwaltschaft für besonders verletzliche Menschengruppen, Einsatz für Steuergerechtigkeit, Flüchtlingsarbeit und vieles andere. Gerade in der Begegnung mit Flüchtlingen werden im Augenblick an der Basis wichtige Erfahrungen gemacht, die alte Mentalitäten aufbrechen können.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass das immer noch ein sehr mühsamer Prozess ist, der nicht flächendeckend begonnen hat. Warum ist das so? Liegt es einfach an der menschlichen Trägheit oder haben die Widerstände ein deutliches Profil?

Das Hauptproblem scheinen mir nicht die fremden Mentalitäten und Milieus zu sein, denen man begegnet, wenn man die kirchlichen Mauern verlässt. Nach einer ersten Verunsicherung werden daraus in der Regel sehr bereichernde Erfahrungen. Im toten Winkel der Aufmerksamkeit liegt aber meist eine andere, sehr elementare Frage: Wer macht es? Wer ist der Akteur?

Man kann und muss das natürlich auch zuspitzen auf die Frage nach dem individuellen Zeitbudget und der Verbindlichkeit der Beteiligten. In erster Linie muss aber nach dem kollektiven Akteur gefragt werden. Zur Erinnerung: in der neutestamentlichen Briefliteratur sind die Adressaten mit wenigen Ausnahmen Gemeinden. Deren gesunde Entwicklung ist das zentrale Thema, mit der Ethik (auch der Sexualethik!) als Unterthema. Bürgerliches Christentum richtet sich dagegen primär an den Einzelnen. Auch bei der heilsindividuellen „Entscheidung für Jesus“ bleibt die Gemeindebindung etwas nachträglich dazukommendes. Das spiritualistische Erbe (das sich nicht auf die Welt einlässt und deshalb keinen Akteur braucht) und die bürgerliche Angst vor der Dominanz kirchlicher Sozialgebilde behindern beide gemeinsam die Entstehung eines echten kollektiven Akteurs und lähmen so die neuzeitliche Christenheit.

Ohne kollektiven Akteur aber keine gesellschaftliche Relevanz. Und auch der Einzelne bleibt dabei im ethischen Dilemma: christliche Ethik ist keine Individualethik und muss vom Einzelnen – wenn er sie so (miss)versteht – immer als Überforderung erlebt werden, mit all den Folgen für Gewissen und Selbstwertgefühl. Schließlich braucht auch die beste Theologie eine Zielgruppe, an die sie sich wendet. Die meisten Probleme modernen Christentums schneiden sich in der Frage nach einem kollektiven Akteur, der von einer gemeinsamen Story und einem intensiven Kommunikationszusammenhang erzeugt wird. Hier liegt die entscheidende Blockade. Nur zur Klarheit: eine Kirchenorganisation ist nicht die Lösung dieser Frage.

Erst ein Christentum, das sich hemmungslos als real existierende Bewegung realer Menschen entdeckt, steht jenseits der Gefängnismauern bürgerlicher Christlichkeit. Erst so wird es seinen dringend benötigten Beitrag in den sehr realen Gefahren der Gegenwart leisten können. Es ist dann nicht mehr unverbindliches (bürgerliches) Publikum, aber auch keine (mittelalterliche) Heils- und Zwangsinstitution. Erst jenseits dieser unfruchtbaren Alternative hat man das bürgerliche Koordinatensystem hinter sich gelassen und betritt Neuland.

Damit es nicht auf dieser grundsätzlichen Ebene bleibt, folgt nun doch noch ein fünfter und letzter Teil am kommenden Mittwoch. Die Stichworte sind dabei Selbstorganisation und eine dritte Art von Verbindlichkeit.

Abschied vom bürgerlichen Christentum (3)

Bisher ging es um den den politischen Rahmen des Christentums in der Neuzeit und die grundlegende Arbeitsteilung, auf die sich die Kirche in der bürgerlichen Gesellschaft einließ. Welche Folgen das für die Binnenverfassung des Christentums hatte, soll heute skizziert werden.

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 1 | Teil 2 | Teil 4 | Teil 5 |

Die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche

Der gesellschaftliche Rahmen, der dem Christentum in der Neuzeit zugewiesen wird, hat dessen Stil und seine Grundannahmen entscheidend geprägt. Das aufsteigenden Bürgertum begegnete einer Kirche, die einerseits spiritualistisch (die verschiedenen Weltbilder habe ich, wie schon erwähnt, im Anschluss an Walter Wink an anderer Stelle ausführlich beschrieben, weshalb ich es hier nicht extra tue) geprägt war und andererseits die ideologische Dominanz über die Gesellschaft robust verteidigte. Das siegreiche Bürgertum zerstörte die ideologische Herrschaft der Kirche, fixierte sie aber andererseits auf einen weltfernen Glauben, der sich für Weltgestaltung nur im engen Rahmen der privaten Moral interessierte.

Das Ergebnis war ein scheinbar schiedlich-friedliches Miteinander: die Kirchenleute verzichteten darauf, sich in die weltlichen Geschäfte der Bürger einzumischen, und die Bürger überließen ihnen gern den Himmel, die Moral, und die Tiefen des Gemüts. Der biblische utopisch-prophetische Impuls, der auf eine Welt, die anders ist, zielte, wurde umgelenkt auf die andere, die jenseitige Welt, die wahlweise in der Innerlichkeit, nach dem Tod oder in einer schemenhaften Zukunft verortet wurde. So kam das Christentum zu seinem Aroma der Weltfremdheit, das sich nie wieder ganz vertreiben ließ. Harmlosigkeit zog ein in das »Gemeindeleben«. Bürger und Kleinbürger, insbesondere ihre Frauen und Kinder, fanden hier einen Schonraum, in dem sie sich von den Strapazen der rauen Weltwirklichkeit erholen konnten. Weil inhaltlich nie ganz geklärt war, worum es in der Kirche eigentlich geht, kommt dem Stil eine große Bedeutung zu. Niemand muss mehr wegen Irrlehren vor ein Inquisitionsgericht. Statt dessen sind nun Dresscode, Musikstile, Ästhetik allgemein, gesittetes Verhalten und ähnliches die Themen, an denen die Gemüter sich erhitzen.

Weil die real existierende Christenheit sich nicht als Alternative zur bürgerlichen Welt sehen wollte, konnte und durfte, sich aber trotzdem irgendwie unterscheiden musste, suchte sie ihre Identität lange in einem archaisierenden, vormodernen Stil: die Sprache Luthers, die Liturgie der alten Kirche, Frakturschrift und patriarchalische Umgangsformen prägten das Milieu. Milieu? Ja, das ist das Äußerste an Sozialformen, das die bürgerliche Kirche hervorbringt. Denn eigentlich steht im Zentrum von Theorie und Praxis der Einzelne mit seinem Gottesbezug und/oder seinem Gewissen. Für besonders Bedürftige oder besonders Fanatische mag es dann auch noch andere Gesellungsformen geben, die aber schnell unter misstrauischer Beobachtung stehen: wollen die vielleicht etwas Besseres sein als wir anderen normalen Christen?

Das Christentum im bürgerlichen Rahmen ist vor allem individualistisch. Prinzipiell kann der Bürger seine religiösen Bedürfnisse auch ohne Kirchengebäude und Pfarrer befriedigen: im Wald, in einer stillen Stunde der Besinnung oder mit einem guten Buch. De facto kommt er zwar – wenn er denn überhaupt noch religiös sein will – nicht ohne Institution aus. Auf der liegt aber immer der Makel, Obrigkeitskirche zu sein, die im Geheimen womöglich neue Kreuzzüge und Inquisitionen vorbereitet oder auf Gelegenheiten wartet, mühsam errungene sexuelle Spielräume wieder zu kassieren. Eine Identifikation mit dieser per definitionem heuchlerischen Agentur muss auch Kirchenfunktionären erst mühsam antrainiert werden.

Dabei arbeiten die Fachleute der Universitäten und Kirchenämter an einer durchaus anspruchsvollen Aufgabe: das Feuer muss einerseits am Brennen gehalten werden, andererseits darf es keinen Flächenbrand auslösen. Dieses Gleichgewicht, das es der Kirche erlaubt, eine gewisse Relevanz für den Einzelnen zu behalten, ohne in echten Konflikt mit der kapitalistisch geprägten Gesellschaft zu geraten, muss immer wieder mühsam austariert werden und ist ein weiteres Kennzeichen des real existierenden bürgerlichen Christentums.

Gemeinde als Gegenkultur, die man nur gemeinsam leben kann, ist im bürgerlichen Rahmen nicht im Blick. Dafür sorgt zuverlässig der moderne Individualismus, der auch schon der Arbeiterbewegung den Garaus gemacht hat. Er hat immer noch das Pathos der Freiheit auf seiner Seite und ist bis heute das selbstverständliche Terrain, auf dem sich Theologie und Gemeinde bewegen.

Gemeinde als kollektiv gelebte Alternative zur gesellschaftlichen Marktlogik (Tobias Faix hat gerade unter den Stichworten »Anschlussfähigkeit und Kontrastgesellschaft« den Rahmen dafür beschrieben) gerät schnell unter Dominanz- und Fundamentalismus-Verdacht. Intern gerät sie zwischen die Mühlsteine von Liberalen (die Fremdbestimmung und Dominanz fürchten wie der Teufel das Weihwasser) und Fundis (die immer noch von der gesellschaftlichen Dominanz einer Kirche träumen, die sich auf Himmel und Unterleib konzentriert).

Gemeinde als gemeinsam gelebte Alternative kann nur sehr spärlich auf real existierende Vorbilder, Traditionen und Erfahrungen zurückgreifen, die für 08/15-Normalgemeinden zu realistischen Modellen werden könnten. Neue Ansätze haben zu kämpfen mit institutionellen Blockaden und der Nötigung, den alten Laden am Laufen zu halten. Praktikable Modelle und passende Theologien sind, freundlich gesagt, noch ausbaufähig. Vor allem aber ist es ein elastisch-stabiles Netz von Ängsten, Mentalitäten und theologischen Mantren, das Christen nach gelegentlichen Freigängen immer wieder in ihr individualistisches Gefängnis zurückholt.

Das war nun vielleicht kein besonders motivierender Schluss. Aber nächste Woche im vierten Teil kommt dann endlich das Positive.

Abschied vom bürgerlichen Christentum (2)

Im ersten Beitrag der Reihe wurden die religiösen Konstellationen in Europa am Anfang der Neuzeit beschrieben: die Begegnung einer dominanten spiritualistischen Kirche (ich benutze diesen Begriff im Anschluss an Walter Wink; ich habe dazu hier ausführlicher geschrieben) mit einem aufstrebenden, revolutionären Bürgertum. Im zweiten Teil geht es nun um die Reaktion des Christentums auf diese neue gesellschaftliche Großwetterlage.

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 1 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 |

Kirche im bürgerlichen Zeitalter

Ideologisch kam es am Ende zu einer Arbeitsteilung: die Kirche beschäftigte sich mit Moral, Seelenheil und dem Einzelnen und hielt sich – außer zur Abgabe patriotisch-reaktionärer Kundgebungen – aus der Politik heraus. Der öffentliche Diskurs hatte sich auf das Fundament der Vernunft zu gründen (sofern nicht gerade Volk, Vaterland, Rasse u.ä. angesagt waren); im privaten Raum mochte jeder so glauben, wie er glauben zu müssen meinte. Innerkirchlich standen Modernisierer in einem ewigen Konflikt mit Bewahrern der Tradition, die die Besonderheit der Kirche durch Rückgriff auf Stil, Sprache und Musik früherer spiritualistisch geprägter Zeitalter zu bewahren meinten. Beide Fraktionen waren sich meistens darin einig, dass die Kirche die Finger von der Politik lassen und sich lieber mit dem „Eigentlichen“ beschäftigen sollte.

So entwickelten die Kirchen eine Doppelstrategie: patriarchaler Konservatismus für das Volk; wohltemperiertes, vernünftiges Kulturchristentum für die seelische Erhebung der bildungsbürgerlichen und Oberschichten, sofern sie dafür zugänglich waren. Für alle die Begleitung in Krisensituationen des Lebens durch Taufe, Trauung, Trauerfeier.

Das ist ungefähr der Rahmen, in dem sich die bürgerliche Spielart des Christentums entwickelte, und der über lange Zeit erstaunlich stabil geblieben ist. Auch die Frommen im Lande akzeptierten ihn stillschweigend, wenn auch oft erst mit jahrzehntelanger Verzögerung. Generationen von Theologen haben sich daran abgearbeitet, das Verhältnis von öffentlich und privat, Vernunft und Glauben immer wieder neu zu justieren. Unzählige Modernisierungsschübe trieben die Kirchen vor sich her, und der Wirklichkeitsbereich, für den das Christentum noch zuständig war, schrumpfte immer weiter zusammen.

In diesem Rahmen ist der Zweifel ein steter Begleiter des neuzeitlichen Christen. Hin- und hergerissen zwischen der öffentlich gültigen Weltanschauung, die nur das Fundament der Vernunft kennt, und seiner ihm selbst oft unbegreiflichen Verbindung mit dem doch eigentlich überholten Christentum seiner Kindheit und Jugend, lebt der moderne Christ häufig vor allem im Modus der Scham oder der Rebellion. Er schämt sich seines eigentlich längst widerlegten Glaubens und seiner unzeitgemäßen Kirche, er rebelliert im Bündnis mit den Liberalen gegen überholte theologische Grundsätze und kirchliche Bräuche und bleibt bei allem doch immer eine tragische Gestalt, die ihres Glaubens nicht froh wird. Er umwirbt die Neuzeit bis zur Selbstaufgabe und kann ihr Herz und ihre Anerkennung doch nicht wirklich gewinnen. Ja, gerade wenn er sich dem gesellschaftlichen Mainstream einmal besonders nahe weiß (wie in der protestantischen Identifikation mit dem Vaterland vor, während und nach dem ersten Weltkrieg), wird er einige Jahrzehnte später gerade dafür wieder Prügel beziehen.

Versucht der neuzeitliche Christ aber umgekehrt, sich tapfer auf den Standpunkt der Entweltlichung zu stellen und an unaufgebbaren Essentials festzuhalten, auch wenn sie von gestern sind, so muss er erleben, dass die gesellschaftliche Entwicklung ihn erst recht überrollt und die nächste Generation sich um so mehr bemüht, den Vorsprung aufzuholen, den der Zeitgeist inzwischen schon wieder gewonnen hat.

Daraus ergibt sich eine chronische Schwäche, die das neuzeitliche Christentum begleitet und es bis heute davon abhält, die bürgerliche Neuzeit ernsthaft mit den Verheerungen zu konfrontieren, die sie weltweit Menschen, Kulturen und dem ganzen Planeten antut

Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit der Konservativen wie der Modernisierer auf – Sex. Er ist das Territorium, auf dem die Stellvertreterkriege um Tradition und Modernisierung geführt werden. Im Schnittpunkt von Privatheit, Moral und Innerlichkeit liegend, eignet er sich hervorragend, um die alte Geschichte von Freiheit, Rückständigkeit und Fortschritt in immer neuen Varianten und aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu erzählen. Und so kreisen die Gedanken vieler Christen jeder Couleur unablässig um ihr Thema Nummer eins. In fruchtlosen Konflikten wird die Energie vergeudet, die angesichts der Zukunft des Planeten an anderen Stellen dringend gebraucht würde.

Nein, sorry, im dritten Teil geht es nicht mit Sex weiter. Es geht um den Unterschied zwischen der anderen Welt und einer Welt, die anders ist; um die Sprache Luthers, und wer im Wald zu Gott findet. Und ein ganz klein wenig Sex kommt doch noch.

Abschied vom bürgerlichen Christentum (1)

In Zukunft soll auf diesem Blog öfter aus der Arbeit von Emergent Deutschland, insbesondere von der inhaltlichen Arbeit berichtet werden. Dieser vierteilige Beitrag nimmt eins der Themen von CON:FUSION 2014 auf: die bürgerliche Gefangenschaft, in der sich das Christentum inzwischen seit Jahrhunderten befindet, und die Frage danach, wie Befreiung aus diesem (heute nicht mehr ganz so goldenen) Käfig möglich ist. Was ist gemeint mit »bürgerlichem Christentum« und wie ist eine »Entbürgerlichung« von Christentum und Glaube vorstellbar?

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 |

Wie alles anfing

Die Geschichte beginnt in den meisten Gegenden Europas irgendwann im 17. Jahrhundert, als Fernhändler, Reeder, Banker, Beamte, Juristen, Intellektuelle, Manufakturbesitzer und andere begannen, sich als gesellschaftliche Klasse zu entdecken: der „Dritte Stand“, wie er in Frankreich hieß – das Bürgertum. Seine Lebensart und sein Anspruch auf Teilhabe an der Macht geriet nicht nur mit Adel und Monarchie in Konflikt, sondern auch mit der ideologischen Dominanz der Kirche. Die Lebenseinstellung der Bürger passte einfach nicht zum spiritualistisch-gnostisierenden Christentum, das den kirchlichen Mainstream spätestens seit dem Mittelalter prägte (und damit ist wenigstens angedeutet, dass diese Geschichte eigentlich noch viel früher begonnen hat).

Die Bürger erlebten die Welt durchaus nicht als Jammertal, das man schnellstmöglich hinter sich lassen sollte, um dann in die „eigentliche“, jenseitige Welt zu gelangen. Stattdessen entdeckten sie – nicht zuletzt in den überseeischen Kolonien – eine Welt voller Möglichkeiten, in der man durch kluge Berechnung Reichtümer ansammeln und sein Lebensschicksal selbst in die Hand nehmen konnte. Die Vernunft war dafür eine bessere Hilfe als der Glaube. Und auf die Vernunft gründeten die Bürger in Zukunft ihr Weltbild. Auch die Religion, wenn sie sich schon nicht vermeiden ließ, sollte künftig am Maßstab der Vernunft gemessen werden.

Wenig anfangen konnten die Bürger dagegen mit der Welt der Zeremonien, Feste, Mysterien, Heiligen und Wunder, in der das einfache Volk lebte, und die von der Kirche verwaltet wurde. Diese Welt erlebten sie als primitiv und abergläubisch, ungebildet und rückständig. Die Kirche wurde in ihrer Sicht zum Hort des Alten und Überholten. Sich selbst sah der Bürger als Agenten einer neuen Zeit des Fortschritts, die von Rationalität und Naturbeherrschung, Freiheit und globaler Zivilisierung geprägt war.

Dass die rückständige Kirche das Recht haben sollte, ihm in seine Geschäfts- und Lebensführung hineinzureden, erschien dem Bürger absurd und anmaßend. Die Kirchen wiederum verstanden die neue Lebenseinstellung als frevlerischen Hochmut gegenüber der göttlichen Ordnung. Dass es sich dabei um eine unvermeidliche Gegenbewegung gegen die weltverneinende Spiritualisierung des Glaubens handelte, kam ihnen nicht in den Sinn.

Das Unverständnis wuchs auf beiden Seiten. Und weil die Bürger de facto der biblischen Schöpfungs- und Freiheitstheologie näher standen und so die Welt realistischer sahen als die feudalen Kirchen, setzten sie sich am Ende durch. Die französische Revolution machte nicht nur Schluss mit der Dominanz von Königtum, Adel und Kirche, sondern auch mit dem Leben vieler ihrer Vertreter. Bis heute stehen Religionen in Frankreich unter misstrauischer Beobachtung durch die Gesellschaft.

In Deutschland lief die Sache etwas anders. Das deutsche Bürgertum machte nur zaghafte und erfolglose Versuche zur Machtübernahme. Stattdessen ergab sich ein Arrangement, das die Dominanz der feudalen Klassen für lange Zeit festschrieb; sie endete im Grunde erst 1918. Bis dahin blieb auch die gesellschaftliche Stellung der Kirche unangetastet; aber die Zeit einer echten Herrschaft der Kirche über die Gesellschaft war schon lange vorbei. Privat rümpften viele Vertreter der Oberschichten die Nase über diese überholte Institution. Aber sie war willkommen als Verbündeter gegen die gottlose Sozialdemokratie. Deshalb entstanden z.B. in den neuen Arbeitervierteln Berlins die vielen großen Kirchen, deren Bau in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg oft von Angehörigen des Hochadels initiiert wurde.

Wieso bürgerliche Kirche die Finger lieber von der Politik lassen sollte, weshalb die Glaubenskrise zum neuzeitlichen Christentum gehört und warum Christen ständig an Sex denken, erfahrt ihr im zweiten Teil des Posts.