hören #88: Ich möchte nicht das Aber sein, sondern das Und. – Die grenzenlose Liebe & unsere Lieblingsgrenzen (Christina Brudereck)

Nach langem Warten hier endlich der Vortrag von Christina Brudereck beim Emergent Forum 2016 in Niederhöchstadt.

 

 

Was heißt es, offene Kirche zu sein?

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Ängste überwinden

Siegfried Kaufer aus der Ev. Andreasgemeinde Niederhöchstadt findet: soziale Angst verhindert, dass Kirche offen für alle ist. Die Botschaft Jesus Christi – jeder ist geliebt und angenommen! – schenkt ihm die nötige Einsicht, die ihn seine persönliche Angst überwinden lässt. „Früher hatte ich Vorbehalte Bettlern gegenüber. Ich fragte mich: Warum machen sie nichts aus ihrem Leben? Heute sehe ich das anders und weiß: Sie haben Schlimmes erlebt und machen das nicht aus Jux und Tollerei.“


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Nur Mut!

Offene Kirche braucht vor allem Mut. So sieht es Olivier Perrot, Pastor einer unabhängigen Freikirche. Mut, um auf den anderen zuzugehen und sich gleichzeitig treu zu bleiben. „Es geht nicht nur darum, die andere Person anzunehmen, sondern auch mutig genug zu sein, das zu sein, was man selbst ist.“ Wenn Olivier mutig ist, folgt er seiner inneren Stimme, die ihm sagt: Geh auf die andere Person zu! Lerne sie kennen, verbringe Zeit mit ihr! Schwierig findet er es, wenn er sich seiner eigenen Begrenzung bewusst wird. Wenn Leute lange reden. Er hat wenig Zeit.


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Sei barmherzig zu Dir!

Um barmherzig mit anderen sein zu können, muss man sich zuerst in Barmherzigkeit sich selbst gegenüber üben. Dieser Auffassung ist Sandra Matz, Pfarrerin in Alsbach (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau). Denn Begegnungen mit Menschen, die einem irgendwie unbequem werden, hätten meistens mit einem selbst zu tun: „Wenn ein Finger auf den anderen zeigt, zeigen drei auf dich selbst“, sagt sie. Es erfordere den Blick in sich selbst hinein. Und da liege die Herausforderung: sich in Barmherzigkeit annehmen – mit den eigenen Schwächen, den eigenen Brüchen und unerfüllten Sehnsüchten.


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Risikobereitschaft

Saphira, Eun-San und Adaumir sind Teil(e) von „Mosaik“, einer bunten Gemeinde aus Düsseldorf. Gemeinsam haben sie es gewagt, „Kirche für alle“ zu sein. Alle. Also auch homosexuelle und anders sexuell-orientierte Christen. Ohne Wenn und Aber. Indem sie die Kirchen- und Herzenstüren öffneten, mussten sie gleichzeitig die Erfahrung machen: Sie können nicht Kirche für alle sein. Ein Großteil der Gemeindemitglieder und Freunde konnte den Schritt nicht mitgehen und stieg aus. Ein Bruch. „Es tat weh, und das tut es noch“, berichten sie. Ob sie es bereuen? Ob eine Kirche für alle nicht Utopie sei? „Ja, es ist eine Utopie“, sagt Adaumir, „es wird eine perfekte Gemeinde nie geben. Aber das Ziel ist das richtige.“ Ein Traum, für den es sich zu kämpfen lohne – so wie einst Martin Luther King – lautet die Antwort des Gemeindegründers.

Die Fragen stellte Marietta Steinhöfel.

#emfo16 – Bilder vom Freitag

Auf der Forums-Seite gibt es nun ersten Bilder vom Freitag:

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Bolz-Webers Kirche für alle: Tradition und Innovation

„Man muss tief verwurzelt sein in der Tradition, wenn man innovativ sein will.“
(Nadia Bolz-Weber)

Wikipedia liefert für das Stichwort „Tradition“ folgende Definition: „Tradition (von lat. tradere‚ hinüber-geben‘ oder traditio ‚ Übergabe, Auslieferung, Überlieferung‘) bezeichnet die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen […] oder das Weitergegebene selbst […]. Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich […] erfolgen.“

Innovation (von lat. innovare ‚erneuern‘) hingegen meint aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive einen absichtlichen und gezielten Veränderungsprozess, der auf etwas Neues, bisher nicht Dagewesenes abzielt (Stichwort: Erfindung). Die künstlerische bzw. kreative Innovation sucht nach neuen Ausdrucksformen und Gestaltungsmöglichkeiten von Emotionen, Erlebnissen und Gedanken.

Dazu einige zusammenhangslose Fragen: Was meint „verwurzelt sein“ in der Tradition? Das tatsächliche Praktizieren oder die Kenntnis der Tradition? Welche Tradition ist überhaupt gemeint, denn es gibt ja ganz unterschiedliche Strömungen? Benötigt das „Neue“ und „bisher Unbekannte“ die Tradition, oder können neue Ausdrucksformen auch losgelöst von der Tradition entwickelt werden? Ist Tradition nicht auch oft ein Hindernis, weil sie den kreativen Prozess einschränkt bzw. in eine bestimmte Richtung lenkt (ablehnend oder befürwortend)? Anders gesagt: entsteht Innovation, weil die Tradition als unzureichend empfunden wird oder in der direkten Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Lebenswelt, also unabhängig von der Tradition? Oder ist es, wie so oft, etwas von beidem?

Fragen über Fragen…

 

Und wo wir doch schon dabei sind:

Tickets für das Emergent Forum 2016 u.a. mit Nadia Bolz-Weber gibt’s hier noch bis zum 15.5. zum Frühbucherrabatt.

Video zu Ein Tag Emergent

Im November letzten Jahres trafen wir uns in Heidelberg zum interaktiven Workshoptag „Einfach Emergent“. Dieser hatte das Thema Glaube & Wahrnehmung.

Irmela Büttner hat auf dem Tag ein Video erstellt:

 

Rezension: „Mit Gott in der Stadt.“

Buchbesprechung: Sommerfeld, Harald, Mit Gott in der Stadt. Die Schönheit der urbanen Transformation (Transformationsstudien Bd. 8), Marburg 2016, 681 Seiten. 

Wie kann das Christentum in einer urbanen Umgebung aussehen? Vor welchen Herausforderungen steht es dabei? Wie kann man lokale Netzwerke zwischen Kirchen und partnerschaftliche Beziehungen zum Islam aufbauen? Welche Rolle kann das Christentum im Kontext urbaner Armut und Fragmentierung spielen? Diese Frage beantwortet Harald Sommerfeld in einem fast 700-Seiten starken Buch, dass hier ausführlich besprochen werden soll. 

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Was sehen wir, wenn wir glauben? Pt. 4 Offenheit und Realismus

4. Offenheit und Realismus

Einige Monate sind schon ins Land gegangen seit dem letzten Blogpost über die Frage: „Was sehen wir, wenn wir glauben?“. Und in den vorigen Posts (1) (2) (3) wurde die Frage bisher erst indirekt beantwortet.

 Was sehen wir eigentlich, wenn wir glauben?

Zuerst muss man vielleicht sagen: nichts, was nicht alle anderen auch sehen.

Wir sehen die gleiche Welt, wir machen die gleichen Erfahrungen, wie alle anderen Menschen auch. Wir haben keine verrückte mystische Erfahrung einer ganz anderen Welt. Stattdessen wird die Erfahrung dieser Welt ver-rückt. Man kann sagen: wir sehen keine andere Welt, sondern diese Welt anders.
Oder mit dem Theologen Eberhard Jüngel gesprochen: wir machen keine Sondererfahrung, sondern eine „Erfahrung mit der Erfahrung“.
Das heißt: wie für alle anderen Menschen ist die Welt für uns die gleiche „schrecklich Schöne“ und „ganz schön Schreckliche“, aber wir sehen, was wir glaubend, liebend, hoffend sehen, mit anderen Augen.

Ein Punkt davon ist die Offenheit unserer Wahrnehmung.

Unsere Wahrnehmung der Welt und anderer Menschen kann sich zu einem geschlossenen Weltbild verfestigen, in das wir dann auch andere Menschen ein-ordnen. Und vermutlich kann niemand von uns ohne so ein Welt-Bild leben. Wenn unsere Wahrnehmung völlig ungeordnet wäre, wenn wir keine Raster und Filter hätten, würde alles auf uns einströmen und würde unsere geistige Gesundheit und unsere Handlungsfähigkeit zerstören. Aber Weltbilder können unsere Wahrnehmung so verengen, dass wir anderen Menschen und unserer Umwelt überhaupt nicht mehr unvoreingenommen wahrnehmen können. Ein Weltbild kann unempfänglich werden für neue Impulse. So können wir die Offenheit unserer Wahrnehmung fast vollständig verlieren.

Jetzt liegt es nahe, den christlichen Glauben als ein solches Weltbild zu verstehen. Und natürlich, wenn wir gesagt haben, dass wir die Welt anders sehen, dann klingt das doch nach einem festen Weltbild.

Doch besteht der Glaube auch aus Impulsen, die unser Weltbild irritieren. Wenn es beispielsweise heißt: 
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.“ (Ex 20:4)
 Hier wird vor einem allzu festen Weltbild gewarnt. Ein festes Weltbild hat damit zu tun, dass man einen Aspekt der Welt nimmt und diesen absolut setzt – aus diesem einen „Götzen“ macht. Ein festes Bild beraubt der Welt und anderen Menschen ihre Möglichkeit sich zu entwickeln und zu bewegen. Ein Bildnis machen heißt den Dingen ihre Rätselhaftigkeit nehmen um sie ganz in den Griff kriegen zu wollen. Sich ein Bild machen heißt, dass wir unserer Welt die Möglichkeit nehmen und sie ganz und gar unveränderlich betrachten. Sich ein Bild machen heißt, den Blick für das Außer-Ordentliche zu verlieren, für alles, was in unsere Gewohnheit die Welt zu ordnen nicht passt. Das heißt auch, jede Lebendigkeit und Bewegung aus der Welt zu verbannen und sie nur statisch nur unbeweglich zu sehen.

Dagegen wird hier gewarnt. So hat der Glauben damit zu tun, unsere festen Weltbilder und unsere scheinbaren Gewissheiten zu irritieren, um unseren Blick zu weiten. Im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung wird die Welt ein Ort neuer Möglichkeiten. Ein Ort, wo die Grenzen des Möglichen und des Unmöglichen verschoben werden und bisher unmögliches möglich wird. Wo Sätze wie „Liebet eure Feinde!“, „Vergebt!“, „Gebt ohne Gegenleistung!“ ihre Absurdität verlieren, weil wir die Welt nicht mehr als einen Ort des Mangels wahrnehmen, wo jeder Mensch zum Konkurrenten um knappe Ressourcen wird.

Es kommt eben darauf an, mit welchem Blick man auf die Welt schaut. Ein Blick kann eine Machtgeste sein: er kann unterwerfen, er kann strafen und disziplinieren. Man denke nur an den strengen Blick eines Lehrers, der ausdrücken kann: „Ich sehe genau, was du gerade tust!“. Davon unterscheidet sich möglicherweise der Blick eines Liebhabers oder einer Künstlerin.

Max Frisch sprach mal davon, dass Liebe bedeutet sich kein Bildnis zu machen.

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden“

(Max Frisch, Tagebücher, Frankfurt a.M. 1985, S. 27)

Es gibt also einen Blick, der in anderen ein Geheimnis sieht, einen Blick der sagt: „Du bist mehr als das, was ich oder andere in dir sehen und selbst mehr als das, was du selbst in dir siehst!“
Und es gibt einen Blick, der Menschen festlegt, sie einengt, sie auf eine bestimmte Rolle begrenzt. So ginge es darum, die Menschen und ihre Welt liebevoll und hoffnungsvoll zu betrachten. Es geht darum, nicht fertig zu werden mit der Welt und so ihre Rätselhaftigkeit und Unausschöpflichkeit zu bewahren.

Nicht, weil die Welt dies immer so hergibt. Nicht, weil die Welt ein so wolkiger Ort ist, den man immer nur lieben kann. Nicht, weil die Menschen (uns selber eingeschlossen) zu jedem Zeitpunkt so liebenswert sind. Sondern, weil Gott mit dem Menschen und seiner Welt nicht fertig wird. Und weil ein offener Blick auf die Menschen und ihre Welt auch ein Mittel sein kann, durch das Dinge in Bewegung geraten und anders werden können.

Das wäre eine erste Erkenntnis:

Glaubend/Liebend/Hoffend wahrnehmen heißt, feste Bilder aufzubrechen, heißt: nicht fertig zu werden mit der Welt und den Menschen.

Aber das ist nicht alles. Denn die Offenheit für die Welt und ihre Möglichkeiten heißt nun nicht die Welt idealistisch wahrnehmen. Die Welt unvoreingenommen wahrnehmen heißt auch, sie ungetrübt wahrnehmen zu wollen.

Bonhoeffer schrieb einmal:

„Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. 
Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen wie er ist; nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch. Während wir unterscheiden zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos den wirklichen Menschen.
Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung Gottes möglich.“
(Bonhoeffer, Dietrich, Ethik, 7. Auflage 1966, S. 75-79.)

Das ist dann die andere Seite. Nicht nur offen zu sein, für das Rätselhafte, sondern auch für das Wirkliche. Dann sucht man nach einem unverstellten Blick auf die Welt. Ohne zu idealisieren oder zu verteufeln. Und daraus folgt zweierlei: die Welt ist ein schöner Ort und ein schrecklicher Ort. Die selbe Person kann ein großes Potenzial für Zerstörung, Grausamkeit und Gewalt haben und für Zärtlichkeit, Fürsorge und Uneigennützigkeit. Und irritierender noch: beides kann im selben Moment auftauchen. Der Mensch und seine Welt ist alles andere als „ideal“, sondern meistens ziemlich banal, bisweilen auch brutal. Mit seinen albernen Leidenschaften, seinem Konkurrenzdenken, seiner Tendenz sich als Zentrum des Universums zu verstehen, mit seiner Angst etwas zu verpassen, aber auch mit seiner falschen Bescheidenheit, mit seiner Tendenz sich klein zu machen, mit seinem Drang sich zu unterwerfen.  Aber manchmal auch mehr als das: mit seiner Grausamkeit, mit seiner Verachtung für alles andere, seiner Unfähigkeit, andere auszuhalten, seinem Chauvinismus, seinem Beharren darauf, wie die Dinge zu laufen haben, seiner Tendenz nicht ohne eine Festes „Wir hier drin“ gegen „Die da draußen“ auszukommen und der Unfähigkeit von sich selbst nur für einen Augenblick wegzuschauen kann der Mensch auch gefährlich sein.

Um den Menschen und seine Welt als gebrochene zu wissen und  ihn dennoch bejahen zu können, grenzt an ein Wunder. Die manchmal banale, manchmal schöne, manchmal traurige und manchmal grausame Realität des Tieres Mensch zu sehen und lachen zu können, hat etwas sehr Befreiendes. Gerade der Humor kann ein Mittel sein, mit Würde in einer gebrochenen Welt leben zu lernen, ohne die Welt schöner oder schlimmer zu machen als sie ist.

Und so bedeutet eine offene Wahrnehmung der Welt auch eine realistische Wahrnehmung, eine ungeschönte Wahrnehmung. Es ist die Zuwendung Gottes zum Menschen und seiner Welt, die Menschwerdung Gottes, die uns diese Spannung aushalten lässt.

So heißt es auch bei Luther: Gott wendet sich nicht der Welt zu, weil sie ein liebenswerter Ort ist, sondern in dem Maße, in dem sich Gott zur Welt wendet, schafft er das Liebenswerte. Während die menschliche Liebe das liebt, was liebenswert ist, ist Gottes Liebe schöpferisch. Das entfaltet Luther in der letzten These der Heidelberger Disputation:

„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. (…)

Das ist klar, weil die Liebe Gottes – sofern im Menschen lebendig – liebt, was sündig, schlecht, töricht und schwach ist, um es gerecht, gut, weise und stark zu machen, und so viel mehr sich verströmt und Gutes schafft. Darum nämlich, weil sie geliebt werden, sind die Sünder »schön«, nicht aber werden sie geliebt, weil sie »schön« sind. Menschliche Liebe flieht daher die Sünder und Bösen, Christus jedoch sagt: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder« (Mt 9,13). Solcher Art ist die Liebe des Kreuzes, geboren aus dem Kreuz, daß sie sich nicht dorthin wendet, wo sie das Gute findet, um es zu genießen, sondern dorthin, wo sie das Gute den Armen und Bedürftigen austeilen kann.“

Aus der Geschichte vom Kreuz zu leben heißt also beides zu sehen: die manchmal unschöne Realität der Welt und die Möglichkeit zur Transformation, die Zukunftsoffenheit jedes Menschen und die Schönheit des Gebrochenen.

Es ist so weit…

Ihr habt lange gewartet, nun ist es endlich so weit. Die Anmeldung zum Emergent Forum 2016 vom 9.-11.9 2016 ist nun eröffnet.

Kirche für alle? Wirklich? Alle? Oder wollen wir nicht viel lieber in unseren altbekannten, überschaubaren und geordneten Gemeinschaften bleiben, wo alles seine Richtigkeit und Ordnung hat? Aber einmal angenommen, wir könnten uns auf dieses Wagnis der offenen Türen einlassen: wie kann eine solche Gemeinschaft funktionieren, ohne die eigene Identität aufzugeben?

Anspruch und Wirklichkeit – man kennt die Geschichte.

Höchste Zeit, diesen Fragen gemeinsam auf den Grund zu gehen. Prominente Verstärkung gibt es dabei von Nadia Bolz-Weber (USA), Christina Brudereck (Essen) und Hossa Talk (Marburg).

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Was sehen wir, wenn wir Glauben? – Pt. 3 der gesenkte Blick

Im letzten Post endeten wir mit der Bemerkung, dass es Haltungen gibt, die unseren Blick trüben. Wie kann so eine Haltung aussehen, welche unsere Augen von der Fülle des Lebens ablenken?

Über  Kain und Abel in Gen.4 heißt es: „Gott sah auf Abel und Kain und sein Opfer sah er nicht“. Man kann sehr viel über diesen Vers sagen. Er zeigt das Bedürfnis auf, gesehen zu werden, Wertschätzung zu erfahren für das was man tut und dadurch so eine Art Rechtfertigung für seine Existenz zu erfahren.  Sei es durch die Arbeit, durch Beziehungen oder wie hier: durch Religion. Gott steht in diesem Vers für den „großen Anderen“, die Instanz, die unser Leben aus der Vogelperspektive betrachtet und an die wir uns wenden, um Bestätigung zu erfahren. Man kann hier auch andere Wörter einsetzen: „die Gesellschaft“, der Vater etc. Und dieser Vers beschreibt das Gefühl, übersehen zu werden. Es beschreibt eine bestimmte Haltung zum Leben: die Haltung der zu-kurz-Gekommenen, der ewig Übersehenen. Das Gefühl, dass sich einstellt, wenn man sich von einer anonymen Macht ständig benachteiligt sieht. Nichts von dem, was man tut, wird gewürdigt. Immer gewinnen die anderen.
Und das entspricht ja einfach unserer Lebenserfahrung: es scheint Menschen zu geben (und das sind nicht immer die sympathisten), die vom Leben alles bekommen haben, zumindest wenn man nicht so genau hinschaut:
„God gave you style and gave you grace.
God put a smile upon your face.“

Wie reagierte Kain?

„Da wurde Kain sehr zornig und sein Blick senkte sich“.

Die Augen werden grau (oder grün oder gelb vor Neid, je nach Sprache) und die Augen bleiben fest am Boden verhaftet. Der gesenkte Blick ist eine Geste der Verschlossenheit, in der man sich unempfindlich macht gegen alle Impulse von außen.
Eine Haltung, die unseren Blick von der Fülle des Lebens auf das lenkt, was uns gerade fehlt. Und eine Haltung in der dann eine Idee reifen kann: die Idee desjenigen, der sich immer als ohnmächtiges Opfer fühlt, hinfort nicht mehr Opfer zu sein. Der Gedanke, des zu ungerecht Benachteiligten, nun endlich etwas zu unternehmen und seinen Konkurrenten aus dem Weg zu schaffen. In den Momenten, in denen sich der Blick senkt, entsteht ein geschlossenes Weltbild. Ein Weltbild, in dem klar ist, wer das unschuldige Opfer ist und wen nun endlich der Zorn des Gerechten treffen soll.

Man denkt hier an die gekränkte und sich ihrem gerechten Zorn ergebenden Menschen, die auf PEGIDA Demos interviewt wurden. Oder man denkt an gewalttätige Konflikte, wie der in Ruanda, bei denen eine Gruppe, die jahrzehntelang unterdrückt wurde einen Völkermord an ihren ehemaligen Unterdrückern verübte.

In der Geschichte spricht nun Gott mit Kain:
„Warum bist du zornig und warum ist dein Blick gesenkt?
Ist es nicht so: Wenn du gut tust, kannst du frei aufblicken?“

Man muss diese Frage umdrehen. „Ist es nicht so, dass sich der Blick automatisch ’senkt‘, wenn man Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Kränkungen erlebt? Und, dass man sich dem Leben nur öffnen kann, wenn man selbst Wertschätzung und Anerkennung erlebt hat? Wenn man sich also wertschätzend wahrgenommen fühlt?“

Hier kommt wieder eine politische Dimension der Wahrnehmung herein: nicht jeder hat die gleiche Chance einfach nur „mit offenen Augen“ durch’s Leben zu laufen. Manche Menschen werden auf Grund des Ortes, an dem sie stehen in der Gesellschaft (oder ihren Familien etc.) automatisch bitter und hart. Manche Menschen haben keine Chance einen positiveren Blick auf das Leben zu werfen aufgrund der Kränkungen, die sie in dieser Gesellschaft erlebt haben. Aber hier zeigt sich auch: diese Verbitterung, der Neid, das Selbstmitleid und das Gefühl zurückgesetzt zu sein, sind keine unschuldigen Affekte. Es sind vielmehr Stimmungen in denen Hass entstehen kann, Stimmungen aus denen man heraus Morde begeht und rechte Parteien wählt und sich seinem gerechten Zorn hingibt. Es sind zerstörerische und selbstzerstörerische Stimmungen.

Es zeigt sich also, dass unser Blick nicht „natürlicherweise“ einfach offen und unverstellt ist, sondern zumeist in irgendeiner Weise schief ist. Und neben der Aufgabe der politischen Kritik an Systemen, die Menschen in so einer Weise kränken, geht es auch darum, einen anderen Umgang mit diesen Kränkungen zu ermöglichen. So muss manchmal unser Blick befreit werden. Auch dann, wenn man sich (zu recht oder unrecht) als benachteiligt, ausgegrenzt oder ohnmächtig erlebt, muss der Blick befreit werden, um diese Ohnmacht und dieses Weltbild des Mangels hinter sich lassen zu können. Das geschieht dann, wenn wir uns selbst wertschätzend wahrgenommen wissen.

Und hier muss nun auch endlich das Gottesbild in diesem Text korrigiert werden. Aus protestantischer Perspektive muss gesagt werden: Gott ist exakt kein „großer Anderer“, dessen Wertschätzung wir durch unser Wohlverhalten, durch unser Gutsein und unseren aufopferungsvollen (oder ‚bewussten‘) Lebensstil gewinnen müssen. Gott lässt uns seine unverdiente Anerkennung zukommen z.B. im Abendmahl oder in Form der vielen „kleinen Anderen“, die uns umgeben. Und das ist eine wertschätzende Wahrnehmung, die uns sowohl in unserer Wirklichkeit sieht und uns gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, unseren Blick zu weiten.

Vielleicht ist das auch eine erste Definition von Glauben: Sich von Gott wertschätzend wahrgenommen wissen und daraufhin die Welt mit einem ungetrübten Blick sehen zu können. 

Oder wie es die wunderbare Nadia Bolz-Weber ausdrückte: „Faith is relaxing in way you relax in the presence of someone you are certain is fond of you.“

Was sehen wir, wenn wir glauben? Pt.2. Achtsamkeit?

Zweite Teil: Zwei Formen der Spiritualität mit offenen Augen

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In diesem Teil soll es darum gehen, was wir sehen, wenn wir glauben.

Es soll um eine Spiritualität der geöffneten Augen gehen. Und damit es nicht so langweilig wird, beginne ich mit einer Polemik.

Es gibt heute einen großen spirituellen Trend, die sogenannte Mindfulness. Das scheint mir eine der größten neuen quasireligiösen Bewegungen der letzten Jahre zu sein. Und diese kreist auch um das Thema der Wahrnehmung bzw. der Achtsamkeit.

Dabei lernt man ganz fokussiert zu sein, den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Man soll nichts bewerten, sondern einfach offen sein, ganz im Körper sein. Sich ganz der aufmerksamen Betrachtung des Gegebenen widmen. Wie die Amelié persönlich den kleinen Dingen Beachtung schenken. Das klingt doch gut und schön unideologisch. Ohne großen „Weltanschauungsbalast.“ So als sei man hier „einfach nur Mensch“ und könnte alle Übermalungen und Entfremdungen der technischen Welt hinter sich lassen.

Aber ich habe auch meine Zweifel. Gerade weil es so unideologisch klingt. So praktisch. Ohne große Dogmen, ohne große Agenda. Es geht ja schließlich nur darum, präsent zu sein. Und vor allem: mal seine Bewertungsmechanismen ausschalten. Und daran ist auch etwas Richtiges: damit man die Dinge noch einmal neu sehen lernen kann, muss man  gewohnte Muster der Bewertung, seine gewohnten Weltbilder und moralischen Reflexe ausschalten. Das kann dazu führen, die Welt neu zu sehen und Menschen neu begegnen zu können. Die Philosophen nennen das Epoché: das Einklammern der eigenen Vorurteile. Aber dieses führt nicht dazu, dass man sein Leben ohne Urteile führt, sondern, dass man die Dinge neu beurteilen lernt. Urteile sind weiterhin nötig, allein schon um schädliche Weltbilder, die entmenschlichen und ausgrenzen, verurteilen zu können.

Und bei dieser Betonung der Achtsamkeit wird manchmal der Eindruck erweckt, es gäbe keine Agenda, kein Weltbild dahinter. Kein Weltbild außer das „einfach nur“: einfach nur wahrnehmen, einfach nur präsent zu sein.

Aber in manchen Strömungen der Achtsamkeit lässt sich doch so etwas wie eine Agenda formulieren: „Stressabbau, Entschleunigung und die komplizierte Welt einfach mal sich selbst überlassen“ oder noch präziser: „innere Distanz“.
Distanz zu den eigenen Leidenschaften und zur hektischen Welt da draußen. Versuchen, einmal ganz „gelöst“ zu leben. Ohne den Dingen zu viel Wert zu geben, ohne den Dingen „anzuhaften“.

Das erinnert an die große „stoische Versuchung“: die Versuchung innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, indem man die Leidenschaften ausschaltet, indem man das Engagement ausschaltet und einfach nur Beobachter spielt.

Ist das nicht eine Form der Wahrnehmung, die genau das ausklammert, was es bedeutet Mensch zu sein: nämlich eben nicht distanziert zu sein, sondern leidenschaftlich involviert. Man ist einfach kein distanzierter Zuschauer, sondern immer schon Betroffener und immer schon Handelnder. Man ist immer zuerst Teil der Welt, hat aktiv Anteil am Leben anderer, bevor man überhaupt erst Distanz zur Welt gewinnen kann.
Ist die Achtsamkeit nicht eine Strömung,  die davon lebt, die Relationalität des Menschen auszuklammern: sein leidenschaftliches Verstricktsein in die Welt menschlicher Zusammenhänge?
Passt nicht vieles, was unter dem Stichwort der „Achtsamkeit“ firmiert, nur allzu gut zu einer politischen und möglicherweise auch zwischenmenschlichen Indifferenz?

Und: ist das nicht eine Form der Spiritualität, die nur allzu leicht verzweckt werden kann? Wer ganz konzentriert im Hier und Jetzt lebt, wer Distanz zur Hektik um ihn herum hat, der ist auch ein effizienterer „Wissensarbeiter“. Der lässt sich nicht so leicht von Facebook ablenken. Der kann „auftanken“, um dann frisch „durchstarten“ zu können. Und so gelten Mindfulness und „Emotional Intelligence“ als die beiden großen Soft-Skills in der Silicon Valley Tech Branche.

Ich gebe zu, dass das noch mehr eine Polemik darstellt, als eine echte Auseinandersetzung und sicher gehört zu einem gesunden Leben der Rückzug, das zur-Ruhe-kommen und das Abstandnehmen dazu. Nur stellt sich die Frage: ist der Rückzug ein Moment in einem leidenschaftlichen, kritischen und involvierten Leben oder verhält es sich andersherum so, dass das Desengagement, der Rückzug in eine Beobachterposition, als das „eigentliche“ verstanden wird. Während all das andere zum Störfaktor wird: die Hektik, die Unruhe durch andere Menschen, die „Welt da draußen“?

Die christliche Botschaft scheint doch zu sein, dass Gott eben kein distanzierter Beobachter blieb, sondern sich die Sache mal aus der Nähe angeschaut hat. So ist Gott nicht einfach der allwissende, allmächtige Beobachter und Lenker, nicht einfach der erste Beweger, nicht der distanzierte und ruhige Betrachter, sondern ganz involviert in die Welt.

Leidenschaftlich involviert.

Die Frage ist wäre hier also: wie sieht eine christliche Wahrnehmung der Welt aus?

Eine leidenschaftlich, involvierte Wahrnehmung statt einer distanzierten Wahrnehmung?

Zunächst einmal muss man sagen, was das Christentum nicht ist: Weltflucht. Es geht nicht darum in eine andere („eigentliche“) Welt abzutauchen. So ähnlich wie wenn man einen langen Fantasyroman liest und ganz in der Welt aufgeht. Es geht nicht um eine andere Welt, um eine metaphysische Hinterwelt, sondern darum diese Welt anders wahrzunehmen.

Wir brauchen also eine Spiritualität der geöffneten Augen.

Davon spricht Jesus in Lukas 11. Ich lese mal aus einer Bibelübertragung vor:

„Eure Augen sind das Licht des Leibes; sie erhellen den ganzen Leib. Wenn ihr mit weit geöffneten Augen lebt, dann füllt sich euer ganzer Leib mit Licht. Wenn ihr jedoch mit zugekniffenen Augen, misstrauisch und gierig lebt, dann wird euer Leib dunkel. Lasst eure Augen weit geöffnet, lasst eure Lampe brennen, so dass ihr nicht muffig und trüb werdet.“

In dieser etwas putzig wirkenden Passage, sind die Augen tatsächlich so etwas wie das „Fenster der Seele“. Aber nicht, weil sie unser wert- und geheimnisvolles Innenleben offenbaren, sondern weil sie die Möglichkeit sind, mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben; weil sie durch eine offene und wache Wahrnehmung den ganzen Leib erhellen. Die geöffneten Augen stehen also für eine Offenheit für die Vielgestaltigkeit des Lebens. Für eine affirmative Sicht des Lebens und der Welt. Und für eine neugierige Sicht auf die Welt.

Die Rede von den offenen Augen deutet in gewisser Weise auf eine naive Sicht der Welt. Naivität ist zu Unrecht in Verruf gekommen (siehe Kohelets Abgeklärtheit). Naivität muss nicht zuerst Unwissenheit und Arglosigkeit bedeuten, sondern „Gebürtlichkeit“: die Welt so zu sehen, als sei alles frisch, als sei nichts selbstverständlich. Die Welt so zu sehen, als sei sie nicht in Stein gemeißelt und würde nicht ewigen Gesetzen folgen. Stattdessen die Welt so zu sehen, als ob sie uns noch überraschen könnte. Oder so, als hätte etwas Neues in der Welt begonnen.

Und gleichzeitig heißt es, die Augen nicht zu verschließen, vor „dem Alten, dem Erwartbaren und Allzubekannten“ in der Welt: Ausgrenzung, Gewalt, Ungerechtigkeit, Hass, Langeweile, Angst und Indifferenz. Phänomene, bei denen man schnell den Eindruck bekommen könnte, diese hätten sich wirklich im Wesentlichen kaum geändert.

Und dieser Text weist mit der Rede von den zugekniffenen Augen auch auf etwas anderes hin: auf schädliche Sichtweisen und Weltbilder. Auf eine Sicht des Lebens, die uns verschlossen macht gegenüber der Welt und anderen Menschen.

Und über verschiedene Arten des schiefen Blicks soll es im nächsten Post gehen.