10 Fragen an Christina Brudereck

Christina Brudereck, Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Essen. Sie schreibt, spricht, reimt und reist und verbindet dabei Poesie, Spiritualität und Menschenrechtsfragen. Gemeinsam mit dem Pianisten Ben Seipel bildet sie das Duo 2Flügel. Sie liebt Indien, Südafrika und das Ruhrgebiet, wo sie in einer Kommunität lebt. Im September wird sie beim Emergent Forum 2016 dabei sein. Zehn Fragen, zehn Antworten – los geht’s!

 

1. Bitte nenne zwei Bücher, die dich besonders inspiriert haben und die noch viel zu unbekannt sind.

„Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus.“ Von Luna Al-Mousli. Das Buch ist ein Kleinod! Das Leseerlebnis beginnt beim Berühren des Papiers. Die grafische Gestaltung ist eine Kunst. Die junge Autorin schreibt herzergreifend, sympathisch. Ein aktuelles Buch zum Mitleiden, Fühlen, Hineindenken, Verrücktwerden.

Und, gerade gelesen: „Kaddish“ von Leon Wieseltier. Ein Sohn betet für seinen verstorbenen Vater. Er betet das Kaddish, das traditionelle Trauergebet seiner jüdischen Erzählgemeinschaft.  Ein Buch über die Wiederentdeckung der eigenen Wurzeln und Schätze. Über Unterbrechungen und Abschiede, den Umgang mit Lücken. Stilistisch nicht einzuordnen; ein dicker Essay, Biografie, voller Aphorismen, ein großes Gedicht.

 

2. Was assoziierst Du mit den Begriffen Emergent/ Emerging Church?

Ich denke bei „emergent“ an meinen Lieblingsbaum. Eine alte Süßkirsche. An Wurzeln, rosa Blüten, Wetter, Rhythmus, Licht, Reife, roten, süßen Mund. Mit „Emerging Church“ bete ich: Die Geistkraft möge ausblühen, was wachsen will.

 

3. Was sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen für Christsein in der heutigen Zeit?

Korruption. Bestechlichkeit. Angst. Dass wir uns kaufen lassen. Einlullen lassen vom Markt. Täuschen lassen von Medien. Dass wir uns einschüchtern lassen von Menschen, die Einfluss haben. Dass wir nicht sagen, was wir denken. Und nicht tun, was wir sagen.

 

4. Die gute Nachricht ist…

Wo die Geisteskraft weht, ist Freiheit. Immer wieder zeigen uns einzelne Personen und Bewegungen, dass es anders geht. Dass die Liebe stärker ist. Dass die Freiheit mehr fasziniert. Dass Gnade gewinnt.

 

5. Ein Beispiel dafür, wie ich Spiritualität im Alltag gestalte ist…

Ich meditiere jeden Tag. Lebe in einer Kommunität. Schreibe Tagebuch. Ich stehe morgens am Fenster, verneige mich und sage Richtung Himmel: Meine Kraft kommt von Dir. Meine Freude kommt von Dir. Meine Aufgabe kommt von Dir.

 

6. Eine der größten Gefahren von Menschen ist es, ihre Biografie zu totalisieren. Was hat Dich so geprägt, dass Du aufpassen musst, es nicht über zu betonen?

Nach meinem theologischen Examen und Assement-Centre wurde meine kirchliche Laufbahn gestoppt. Ich konnte kein Vikariat machen, wurde keine Pfarrerin, musste mir einen eigenen Weg suchen. Der Satz „Die Kirche braucht mich nicht“ meldet sich immer wieder mal zu Wort. Ich will ihn gar nicht glauben, aber er hat meine Lebensberufung so tief in Frage gestellt, dass er sich immer noch mal meldet. Dann werde ich stumm, zynisch oder bockig, im besten Fall zornig. Das ist aber alles nicht hilfreich…

 

7. Ein besonders skurriles Erlebnis hatte ich:

Als ich in Südafrika Heimweh hatte und ausgerechnet in einem jüdischen Café ein Zuhause fand. Als ich neulich beklaut worden war. Handy, Schlüsselbund und Portemonnaie weg. Und Henning Baum, der letzte Bulle, saß vor der Eisdiele. Da hätte ich am Liebsten gerufen: „Mick, aller Macho, hilf mir! Halte den Dieb!“

Als ich in einer Gruppe mit Jüdinnen, Muslimen, Orthodoxen und Katholikinnen immer „Unsere Jüngste“ genannt wurde; ich, die Protestantin.

 

8. In zwanzig Jahren wird…unsere Generation, wissen Mark Twain meinte, als er sagte:

In zwanzig Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, verlasse den sicheren Hafen, hol dir die Passatwinde in deine Segel. Erforsche. Träume. Entdecke.

 

9. Diese Website ist mein Geheimtipp im Netz:

transcend.org/galtung – Der Friedensforscher Johan Geltung ist eine Koryphäe. Was friedliche Lösungen und Wandel angeht, hat er einfach mehr Erfahrung und vor allem mehr Phantasie.

 

10. Dieser längst vergessene Blogeintrag lohnt sich noch immer zu lesen:

Ich schätze den Blog von Alice Walker (Alicewalkersgarden.com) und denke an den Beitrag vom 27. November 2015 „Talking About Paris To A Five Year Old“. Alice Walker kommentiert einen Text von Frank Barat mit den Worten: „Ich meine, so ein Gespräch sollten alle Erwachsenen mit ihren Kindern in der ganzen Welt führen.“

3 Kommentare

  1. […] 10 Fragen an Christina Brudereck […]

  2. Christina Brudereck hat mich vor ein paar Jahren zurückgebeamt in die Kirche und Gottesdienst beschrieben wie ich ihn von Anfang an meinte und suchte. Wir kennen uns nicht, ich bin nur Hörende und doch weiß ich: wer Frau Brudereck nicht sprechen lässt in der Kirche, der hätte selbst Jesus ein Hausverbot erteilt.

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