Abschied vom bürgerlichen Christentum (4)

In den ersten drei Teilen der Serie habe ich die Rahmenbedingungen dargestellt, unter denen sich das neuzeitliche Christentum entwickelte, und welche Begrenzungen es dabei in Kauf nahm. Heute geht es um Perspektiven: wie kann die bürgerliche Gefangenschaft der Kirche aufgebrochen werden?

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 5 |

Nur das Kollektiv schreckt den Bürger

Weil das Christentum von der Neuzeit weiterhin auf seinen spiritualistischen Irrweg fixiert wird, besteht die Perspektive natürlich darin, die Konzentration auf das Jenseits (welcher Art auch immer) zu überwinden und die Begegnung von Kirche bzw. Evangelium und Welt zu stärken. Und das geschieht ja gegenwärtig zum Glück bei vielen Gelegenheiten: Gemeindediakonie, Stadtteilorientierung, Fairtrade-Läden, Patenschaften zu sozialen Einrichtungen, Besuche in Gefängnissen, auch viele Elemente klassischer pastoraler Arbeit, Serve the City, Thematisierung der kirchlichen Milieugrenzen, Anwaltschaft für besonders verletzliche Menschengruppen, Einsatz für Steuergerechtigkeit, Flüchtlingsarbeit und vieles andere. Gerade in der Begegnung mit Flüchtlingen werden im Augenblick an der Basis wichtige Erfahrungen gemacht, die alte Mentalitäten aufbrechen können.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass das immer noch ein sehr mühsamer Prozess ist, der nicht flächendeckend begonnen hat. Warum ist das so? Liegt es einfach an der menschlichen Trägheit oder haben die Widerstände ein deutliches Profil?

Das Hauptproblem scheinen mir nicht die fremden Mentalitäten und Milieus zu sein, denen man begegnet, wenn man die kirchlichen Mauern verlässt. Nach einer ersten Verunsicherung werden daraus in der Regel sehr bereichernde Erfahrungen. Im toten Winkel der Aufmerksamkeit liegt aber meist eine andere, sehr elementare Frage: Wer macht es? Wer ist der Akteur?

Man kann und muss das natürlich auch zuspitzen auf die Frage nach dem individuellen Zeitbudget und der Verbindlichkeit der Beteiligten. In erster Linie muss aber nach dem kollektiven Akteur gefragt werden. Zur Erinnerung: in der neutestamentlichen Briefliteratur sind die Adressaten mit wenigen Ausnahmen Gemeinden. Deren gesunde Entwicklung ist das zentrale Thema, mit der Ethik (auch der Sexualethik!) als Unterthema. Bürgerliches Christentum richtet sich dagegen primär an den Einzelnen. Auch bei der heilsindividuellen „Entscheidung für Jesus“ bleibt die Gemeindebindung etwas nachträglich dazukommendes. Das spiritualistische Erbe (das sich nicht auf die Welt einlässt und deshalb keinen Akteur braucht) und die bürgerliche Angst vor der Dominanz kirchlicher Sozialgebilde behindern beide gemeinsam die Entstehung eines echten kollektiven Akteurs und lähmen so die neuzeitliche Christenheit.

Ohne kollektiven Akteur aber keine gesellschaftliche Relevanz. Und auch der Einzelne bleibt dabei im ethischen Dilemma: christliche Ethik ist keine Individualethik und muss vom Einzelnen – wenn er sie so (miss)versteht – immer als Überforderung erlebt werden, mit all den Folgen für Gewissen und Selbstwertgefühl. Schließlich braucht auch die beste Theologie eine Zielgruppe, an die sie sich wendet. Die meisten Probleme modernen Christentums schneiden sich in der Frage nach einem kollektiven Akteur, der von einer gemeinsamen Story und einem intensiven Kommunikationszusammenhang erzeugt wird. Hier liegt die entscheidende Blockade. Nur zur Klarheit: eine Kirchenorganisation ist nicht die Lösung dieser Frage.

Erst ein Christentum, das sich hemmungslos als real existierende Bewegung realer Menschen entdeckt, steht jenseits der Gefängnismauern bürgerlicher Christlichkeit. Erst so wird es seinen dringend benötigten Beitrag in den sehr realen Gefahren der Gegenwart leisten können. Es ist dann nicht mehr unverbindliches (bürgerliches) Publikum, aber auch keine (mittelalterliche) Heils- und Zwangsinstitution. Erst jenseits dieser unfruchtbaren Alternative hat man das bürgerliche Koordinatensystem hinter sich gelassen und betritt Neuland.

Damit es nicht auf dieser grundsätzlichen Ebene bleibt, folgt nun doch noch ein fünfter und letzter Teil am kommenden Mittwoch. Die Stichworte sind dabei Selbstorganisation und eine dritte Art von Verbindlichkeit.

2 Kommentare

  1. Lieber Walter,

    Vielen Dank für den Post!

    Die Marschrichtung finde ich richtig.
    Gemeinschaftsorientierung – Ja!
    Abwehr des einseitigen Individualismus – Ja!
    Kritik an Privatheit – Ja!
    Nur das Wort Kollektiv sollte doch auch stutzig machen.
    Denn da verführt vielleicht eine sehr frühzeitig feststehende These auch dazu, die Geschichte sehr eindeutig zu deuten. Teil der Moderne ist doch auch der Kollektivismus. Und der moderne Individualismus speist sich auch aus einer moralischen Erschütterung, die man eben nciht kleinreden darf. Die Erfahrung von kollektiver Gewalt, die Erfahrung der Mobilmachung von Individuen in Namen der großen Errzählung, für die Opferung des Einzelnen für die eine große Sache. Es gab ja nicht ohne Grund die Debatte zwischen Kommunitarismus und Liberalismus, bei der Ersterer mit Gründen nicht so gut aussah. Das Marxsche Kollektivsubjekt wird heute verstanden als das, was es immer war: eine Metapher.
    Es herrscht seit mindestens 15 Jahren Diskussionen über den Gemeinschaftsbegriff übrigens vor allem mit Blick auf das Christentum. Die Tendenz der Diskussion ist zu sagen: Gemeinschaften neigen immer dazu, fremdenfeindlich zu sein. Nicht dem ethnischen Fremden gegenüber, sondern Fremdheit als störender Erfahrung, als das, was nicht in die große Erzählung passt.
    Die Frage scheint also auch zu sein: wie bekommt man also eine Gemeinschaft, die sich nicht durch ideologische Abschottung konstituiert, hin?
    Zwei Überlegungen dazu: vielleicht sollte man nicht von Akteur reden, sondern von Respondenten, vielleicht von Ko-Respondenten. Also von einer responsiven Gemeinschaft und einer Gemeinschaft der Responsivität.
    Zweitens: es eignet sich vielleicht die Figur des entzogenen Grundes. Es gibt eine Mitte, aber die Mitte ist uns nicht verfügbar (Christus ist auferstanden, das hat NT Wright auch mal im Blick auf die Himmelfahrt deutlich gemacht). Es gibt eine große Geschichte, aber wir kennen sie nicht und wir wissen nicht, welchen Part wir spielen.

    Arne Bachmann
  2. Lieber Arne,

    ich hab das Wort „kollektiv“ mit Bedacht benutzt, weil ich nicht das weichgespülte Wischiwaschi-Wort „Gemeinschaft“ nehmen wollte. Natürlich weiß ich um die Echos, die das aufruft. Aber ein bisschen Provokation sollte schon dabei sein, damit nicht alle gleich nicken und wir uns einig sind. Im Prinzip kommt es mir aber auf die beschriebene Sache an und nicht auf diese Formulierung.

    „Akteur“ hingegen habe ich gewählt, weil es relativ neutral ist und wenig Konnotationen in irgendeine Richtung hat. Es geht mir schlicht darum, deutlich zu machen: kein Gedanke spricht oder schreibt oder verwirklicht sich auf irgendeine Weise selbst, es muss immer ein Mensch da sein, durch den das geschieht. Und von einer gewissen Größenordnung an reicht dann auch nicht mehr einer, sondern es muss eine Einheit sein, die aus mehreren besteht – also in irgendeiner Weise kollektiv ist. Will man das wegen der Gefahr der Anderenfeindlichkeit vermeiden, zieht es Wirkungslosigkeit nach sich (was natürlich de facto auch eine Wirkung hat). Kein Akteur ist deshalb auch keine Lösung.

    Dies vorausgesetzt, ist es natürlich sinnvoll, zu diskutieren, wie christliche Gemeinschaft (ich nehme jetzt mal dieses Wort) beschaffen sein soll. Ich versuche mir ja gerade klar zu machen, woher die merkwürdigen bis erschreckenden Ausgaben des Christentums kommen, die wir alle kennen. Ob „responsive Gemeinschaft“ ein Leitbild sein könnte? Klingt nicht schlecht, nur mir ist nicht wirklich klar, was damit präzise gemeint ist. Aber warum nicht? Hauptsache, das Wort befördert nicht die Illusion, dass man auch ohne Initiative etwas bewirken könnte. Auch wer eine Willkommensstruktur für Flüchtlinge aufbauen will, braucht dazu eine (potentiell anderenfeindliche) Gemeinschaft. Aus der Nummer kommt man nicht raus.

    Ich habe den langen geschichtlichen Anlauf gewählt, um deutlich zu machen, dass mir die Komplexität der Problemlage durchaus bewusst ist. Das enthebt uns aber nicht der dringenden Notwendigkeit, unsere neuen Antworten zu entwickeln. Und die Überwindung des organisatorischen Idealismus (um es mal so zu formulieren) im Christentum scheint mir eine Schlüsselfrage zu sein.

    Ach ja: dem Gedanken der unverfügbaren Mitte bin ich kürzlich in einer, wie ich fand, sehr hilfreichen Weise bei Jens Stangenberg begegnet (ab Folie 10). Das scheint mir in der Tat ein guter Weg zu sein, auch wenn ich ihn hier wegen meiner anderen Fragestellung nicht aufnehme.

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