Abschied vom bürgerlichen Christentum (1)

In Zukunft soll auf diesem Blog öfter aus der Arbeit von Emergent Deutschland, insbesondere von der inhaltlichen Arbeit berichtet werden. Dieser vierteilige Beitrag nimmt eins der Themen von CON:FUSION 2014 auf: die bürgerliche Gefangenschaft, in der sich das Christentum inzwischen seit Jahrhunderten befindet, und die Frage danach, wie Befreiung aus diesem (heute nicht mehr ganz so goldenen) Käfig möglich ist. Was ist gemeint mit »bürgerlichem Christentum« und wie ist eine »Entbürgerlichung« von Christentum und Glaube vorstellbar?

Die anderen Teile der Reihe: | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 |

Wie alles anfing

Die Geschichte beginnt in den meisten Gegenden Europas irgendwann im 17. Jahrhundert, als Fernhändler, Reeder, Banker, Beamte, Juristen, Intellektuelle, Manufakturbesitzer und andere begannen, sich als gesellschaftliche Klasse zu entdecken: der „Dritte Stand“, wie er in Frankreich hieß – das Bürgertum. Seine Lebensart und sein Anspruch auf Teilhabe an der Macht geriet nicht nur mit Adel und Monarchie in Konflikt, sondern auch mit der ideologischen Dominanz der Kirche. Die Lebenseinstellung der Bürger passte einfach nicht zum spiritualistisch-gnostisierenden Christentum, das den kirchlichen Mainstream spätestens seit dem Mittelalter prägte (und damit ist wenigstens angedeutet, dass diese Geschichte eigentlich noch viel früher begonnen hat).

Die Bürger erlebten die Welt durchaus nicht als Jammertal, das man schnellstmöglich hinter sich lassen sollte, um dann in die „eigentliche“, jenseitige Welt zu gelangen. Stattdessen entdeckten sie – nicht zuletzt in den überseeischen Kolonien – eine Welt voller Möglichkeiten, in der man durch kluge Berechnung Reichtümer ansammeln und sein Lebensschicksal selbst in die Hand nehmen konnte. Die Vernunft war dafür eine bessere Hilfe als der Glaube. Und auf die Vernunft gründeten die Bürger in Zukunft ihr Weltbild. Auch die Religion, wenn sie sich schon nicht vermeiden ließ, sollte künftig am Maßstab der Vernunft gemessen werden.

Wenig anfangen konnten die Bürger dagegen mit der Welt der Zeremonien, Feste, Mysterien, Heiligen und Wunder, in der das einfache Volk lebte, und die von der Kirche verwaltet wurde. Diese Welt erlebten sie als primitiv und abergläubisch, ungebildet und rückständig. Die Kirche wurde in ihrer Sicht zum Hort des Alten und Überholten. Sich selbst sah der Bürger als Agenten einer neuen Zeit des Fortschritts, die von Rationalität und Naturbeherrschung, Freiheit und globaler Zivilisierung geprägt war.

Dass die rückständige Kirche das Recht haben sollte, ihm in seine Geschäfts- und Lebensführung hineinzureden, erschien dem Bürger absurd und anmaßend. Die Kirchen wiederum verstanden die neue Lebenseinstellung als frevlerischen Hochmut gegenüber der göttlichen Ordnung. Dass es sich dabei um eine unvermeidliche Gegenbewegung gegen die weltverneinende Spiritualisierung des Glaubens handelte, kam ihnen nicht in den Sinn.

Das Unverständnis wuchs auf beiden Seiten. Und weil die Bürger de facto der biblischen Schöpfungs- und Freiheitstheologie näher standen und so die Welt realistischer sahen als die feudalen Kirchen, setzten sie sich am Ende durch. Die französische Revolution machte nicht nur Schluss mit der Dominanz von Königtum, Adel und Kirche, sondern auch mit dem Leben vieler ihrer Vertreter. Bis heute stehen Religionen in Frankreich unter misstrauischer Beobachtung durch die Gesellschaft.

In Deutschland lief die Sache etwas anders. Das deutsche Bürgertum machte nur zaghafte und erfolglose Versuche zur Machtübernahme. Stattdessen ergab sich ein Arrangement, das die Dominanz der feudalen Klassen für lange Zeit festschrieb; sie endete im Grunde erst 1918. Bis dahin blieb auch die gesellschaftliche Stellung der Kirche unangetastet; aber die Zeit einer echten Herrschaft der Kirche über die Gesellschaft war schon lange vorbei. Privat rümpften viele Vertreter der Oberschichten die Nase über diese überholte Institution. Aber sie war willkommen als Verbündeter gegen die gottlose Sozialdemokratie. Deshalb entstanden z.B. in den neuen Arbeitervierteln Berlins die vielen großen Kirchen, deren Bau in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg oft von Angehörigen des Hochadels initiiert wurde.

Wieso bürgerliche Kirche die Finger lieber von der Politik lassen sollte, weshalb die Glaubenskrise zum neuzeitlichen Christentum gehört und warum Christen ständig an Sex denken, erfahrt ihr im zweiten Teil des Posts.

3 Kommentare

  1. […] Walter Faerber hat auf emergent-deutschland.de eine 5-teilige Serie zur “Entbürgerlichung des Christentums” eingestellt. Für mich ist das einer der ganz wichtigen Texte über Kirche und Christentum. Ich werde mich auf jeden Fall damit weiterbeschäftigen. http://emergent-deutschland.de/blog/2015/04/20/abschied-vom-buergerlichen-christentum-1/ […]

  2. … ich hab alle fünf Teile der Reihe gelesen und fand die Darstellung sehr ansprechend. Allerdings fehlt mir ein zentraler Aspekt, und ich überlege seit einigen Tagen ob ich das hier schreiben kann. Ich stolpere nach mehrmaligem Lesen immer noch über die Aussage „Die Lebenseinstellung der Bürger passte einfach nicht zum spiritualistisch-gnostisierenden Christentum, das den kirchlichen Mainstream spätestens seit dem Mittelalter prägte (und damit ist wenigstens angedeutet, dass diese Geschichte eigentlich noch viel früher begonnen hat)“ — das stimmt sicherlich. Allerdings war das aufsteigende Bürgertum im 17. und 18 Jhdt. ja dennoch sehr christlich und hat vor allem in Deutschland den Protestantismus sehr geprägt: das Bürgertum waren es ja schließlich, durch das sich die protestantische Arbeitsethik herausgebildet hat (Max Weber), der wir alle heute, in säkularisierter Form natürlich, immer noch nicht entrinnen können. Und das Bürgertum hat auch die spezifische Mutterrolle, eingebettet ins bürgerliche ideal der Liebesheirat etc. getragen – und das auch wiederum im protestantischen Deutschland stärker als in anderen Ländern (dazu gibts ein schönes Buch von Barbara Vinken „Die deutsche Mutter“, indem sie die aus dem Protestantismus entstandene Mutterrolle, die heute noch säkularisierter Form vorherrscht entlarvt als ein spezifisch deutsches Produkt, quasi eine protestantische Mutterethik). Das sind nur zwei Beispiele … aber sie zeigen auf, dass die Einflussnahme des Bürgertums auf das Christentum noch stärker und vor allem wechselseitiger ist als dargestellt. Wenn wir uns also von dem bürgerlichen Christentum verabschieden wollen muss das vielleicht noch umfassender geschehen: also auch – um nochmal zu den Beispielen zu kommen – mit einer reflektierteren Sicht auf Arbeit/ Beruf und Familie/ Geschlechterrollen?

  3. Hallo Daniela, ich denke, dass man hier zwischen Frankreich und Deutschland tatsächlich differenzieren muss. In Frankreich war das Bürgertum früher und sehr viel stärker als in Deutschland. Die Gegensätze waren in Frankreich schroffer, während es in Deutschland mehr Koalitionen gab. Das zeigt sich dann tatsächlich auch in der Theologie, die das Ganze fein nuanciert ausbalancieren musste. Vielleicht ist das sogar die Ursache dafür, dass die deutsche Theologie im vorigen Jahrhundert als weltweit führend galt.
    Weil auf diese Weise bei uns Bürgertum und Christentum besonders intensiv verbandelt sind, müssen wir das tatsächlich auch immer wieder prüfen und entflechten.

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